Kriegsbraut! Da macht sich als erstes das Titelbild sehr gut. Eine blaue Burka hängt an einer afghanischen Wand, so suggerieren zumindest die arabischen Schriftzeichen. Es geht um eine Kriegsbraut. Die hat schon auf den ersten Seiten vor allem eines: Angst. Das Lieblingswort der Deutschen. Esther, so der Name der Frau, bleibt auf den ersten Seiten ein Rätsel. Die Auflösung überrascht. Sie ist Leutnant der Bundeswehr, also ein Offizier, ausgebildet für den Einsatz. Und wie wird sie dem Leser vorgeführt. Sie hat Angst.
Es sind die Frauenbilder, die Kurbjuweit konstruiert. Warum nur beschreibt er die meisten Frauen als kaputte Typen? Das hat mich verärgert. Die Frauen in diesem Buch, die Soldatinnen stellen alles Mögliche dar, aber nicht die Frauen, die ich in Afghanistan bei mehreren Aufenthalten kennengelernt habe. Esther scheitert in einer ersten Ehe, weiß als studierte Informatikerin nicht, was sie mit sich selbst anfangen soll. Flieht aus ihrem ersten Leben nach Berlin, arbeitet in einer Bar, schläft mit allen möglichen Männern und beginnt schließlich ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann. Neben dessen Frau steht sie Kartoffel schälend in der Küche. Dann der Zufall. Sie landet, weiß wohl selbst nicht so genau warum, bei der Bundeswehr. Soweit die ersten beiden Frauen.
In Afganistan lebt sie mit zwei anderen in einem Container. Hauptfeldwebel Maxi entschärft Bomben, Sprengsätze. Sie erzählt nichts von sich. Bleibt ein Mysterium, das aber kräftig genug ist, einen Soldaten k.o. zu schlagen. Sie kauft sich eine Burka, bestickt sie, nennt sie Fatima und stellt sie zum Abschluss einer Party zur Überraschung aller auf. Dann bewegt sich Fatima, Maxi steckt darin. Ein Arm schwingt hoch. Von der Burka umhüllt erschießt sie sich. Es bleibt dem Leser überlassen, sich in das Mysterium dieser Frau hinein zu denken. Die dritte Frau ist Ina, eine Oberstabsärztin. Sie hat Mann und Kind zu Hause. Natürlich liebt sie beide, aber sie glaubt nicht, dass der Mann die Erziehung meistert. Sie braucht den Container ab und zu für eine Liebesnacht und hat ein permanent schlechtes Gewissen wegen des Ehebruchs. Klischees werden weiterhin bedient. Natürlich wird ein intimes Zusammensein außerhalb des Containers mit einer Wärmebildkamera gefilmt und sie von Soldaten für ihre reife Leistung beglückwünscht. Soweit Ina. Natürlich schläft auch Esther mit einem GI, im Humwee, stilgerecht. Und die Botschaft ist. Alles ziemlich kaputte Typen, die Weiber beim Bund. Und als sei das noch nicht genug, verliebt sich Esther auch noch in einen afghanischen Schuldirektor. Dessen Frau und Kind sind vor Jahren bei der Flucht aus Afghanistan verschollen. Eine Esther bewegende Frage wird beantwortet. Afghanen küssen fast genauso wie Deutsche.
Ein Buch mit dem Titel Kriegsbraut darf den Krieg in Afghanistan nicht missen. Dem unvermeidlichen Anschlag fällt das erste Fahrzeug zum Opfer. Es wird in die Luft gesprengt. Esther überlebt mit ihrem verletzten Fahrer im zweiten. Als sie Luftunterstützung durch Hubschrauber erhält, ist der Pilot, welch Überraschung, eine Frau. "Ladies day", sagt Sally, die Pilotin. Esther verschweigt die Existenz von Frau und Kindern in dem Gehöft, von dem aus sie unter Feuer genommen wird. Sie hat die drei oft genug gesehen bei den Fahrten zur Schule. Jetzt sieht sie sie nicht, erwähnt sich auch nicht und das Gehöft wird durch Sally in Schutt und Asche gelegt. Bei der folgenden Untersuchung im Camp wird Esther geschützt. Kurbjuweit deutet mehr an, als er beschreibt, wie der Fall offiziell vertuscht wird. Der Tod von Zivilisten sei unvermeidlich. Doch, sprechen wir besser nicht darüber und alles bleibt geheim, absolut vertraulich. Zu Hause wäre es in der Öffentlichkeit eine Katastrophe, wenn Deutsche Frau und Kinder getötet hätten. Soweit der Kommandeur in Kunduz.
Esther wird in den Urlaub nach Hause geschickt. In Deutschland besucht sie die dem Leser vertrauten Wirkungsstätten. Mit dem verheirateten Mann schläft sie nicht mehr, aus der Bar geht sie ohne männliche Begleitung nach Haus. Sie besucht Maxis Mutter und telefoniert mit ihrem Fahrer, der den Anschlag ebenfalls überlebte. Er lässt sich kugelsichere Scheiben ins Haus bauen, denn die Taliban seien überall. Spätestens hier wartet der Leser auf die Diagnose PTBS.
Nach dem Urlaub zurück in Afghanistan sieht Esther ihren Schuldirektor wieder. Die Liebe flammt erneut auf. Eines Tages können die Soldaten abends nicht mehr zurück fahren (Warum eigentlich nicht?). Esther entfernt sich nachts von ihrem Trupp, besucht ihren afghanischen Schuldirektor zu Hause und sieht die Burka an der Wand. Er ist wieder mit einer Frau zusammen. Schade, wieder nichts, denkt sich Esther, wie die Beziehungen bisher. Soweit zu den Frauen in diesem Buch. Soweit zu dem, was wirklich ärgert.
Daneben schildert Kurbjuweit das alltägliche Lagerleben, wie es sein könnte. Angespielt werden viele Themen, auch politische, die Heimatfront und die Amerikaner. Doch keines wird für den neugierigen Leser erklärt. Hier und da treten Unschärfen auf, die der Unkenntnis das Autors geschuldet sein sollen. Das sei ihm verziehen. Doch er packt zu viel in das Buch hinein und lässt den Leser ratlos zurück. Bestenfalls bestätigt er Vorurteile. Und er verbreitet massenhaft Klischees. Schade. Weniger wäre mehr gewesen. Glaubhafte Frauengestalten auch. Das Geld kann man sich Sparen.