Das hier erstmals auf deutsch vorliegende Buch lädt dazu ein, sich mit allen umstrittenen Thesen des jüdischen Historikers zur Kriegs-Kultur vertraut zu machen. Thesen, aufgrund der - nach Verbalattacken des Hochschul-Asta - sich die Leitung der Universität Trier genötigt sah, den Vertrag über die Abhaltung einer Vorlesungsreihe mit dem international renommierten Wissenschaftler Martin van Creveld über Nacht zu kündigen.
Der Autor sieht die Kriegs-Kultur als Mittel, die natürliche Angst des Menschen vor der tödlichen Gefahr zu überwinden und ihn darauf vorzubereiten, erforderlichenfalls das höchste Opfer zu erbringen. Leicht lesbar und ohne die in wissenschaftlichen Werken häufig zu findenden Fremdwörter und Schachtelsätze zählt van Creveld wesentliche Aspekte der Kriegs-Kultur auf. Von der Kriegsbemalung, der Verzierung von Uniformen, der Fahnen und Wimpel, Abzeichen bis hin zur Musik.
Die Kriegsgeschichte von der Antike bis in die Neuzeit belegt in zahlreichen Beispiele, wie Waffen, Schilde und Rüstungen geschmückt und verziert worden sind, alles, um den Träger in seiner Bedeutung zu stärken und den Gegner einzuschüchtern. Gesteigerte Waffenwirkung und klimatische Besonderheiten führen im 19. Jahrhundert zu einem Wandel hin zu zweckmäßigeren und vor allem unauffälligeren Ausrüstungs- und Bekleidungsstücken. Der "bunte Rock" blieb Paraden und Bällen vorbehalten. Er wich im Feld dem "grauen Rock", später dann sogar dem Tarnanzug.
Besonders untersucht van Creveld den Zusammenhang zwischen Spiel und Krieg, etwa am Beispiel der Gladiatorenkämpfe oder der antiken Sportarten in Olympia wie Wagenrennen, Speer- und Diskuswerfen sowie Box- und Ringkämpfen. Krieg sei Kampfsport und damit ein Spiel. In der Antike war dieser Zusammenhang noch allgegenwärtig: Kampfspiele, Gladiatorenkämpfe, Nachspielen bekannter Schlachten in Arenen galten nicht nur als Volksbelustigung. Sie entwickelten ungeheure Anziehungskraft auf die Menschen. Siegreiche Kämpfer genossen großen Ruhm. In späteren Jahrhunderten wichen diese Großschauspiele weniger blutigen Zerstreuungen. Brettspiele wie Schach kamen auf, das seine Herkunft vom Kriegsgeschehen (Türme, Reiter, Bauern) nicht verleugnen konnte. Ab dem 19. Jahrhundert wurden Kriegsszenarien in Sandkastenspielen mit Miniatursoldaten durchexerziert.
Breit geht der Autor auf Kriegsrituale ein, die zur Angstbekämpfung und Feindeinschüchterung dienen, so etwa in der Kriegserklärung oder Feinderklärung. Der Verfasser beschreibt Siegesrituale und Denkmäler von der Antike bis zur Gegenwart. Ein Siegesritual wäre z.B. der Triumphzug der Römer - ein Verliererritual etwa der Totenkult oder die Suche nach Schuldigen (Prozesse, Untersuchungsausschüsse).
Dem Einfluß des Feminismus auf Krieg und Kriegführung ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Van Creveld sieht zwei Möglichkeiten, wie Frauen Einfluß auf die Kriegs-Kultur nehmen könnten: gemäß dem Vorbild der Lysystrata - nicht nur die Kriegskultur, sondern auch die Männer zurückzuweisen -, zum anderen Frauen gleichberechtigten Zugang zu den Armeen zu verschaffen. Damit verschwinde die Kriegskultur und mit ihr die Fähigkeit, einen Krieg führen und gewinnen zu können. Denn die unterschiedlichen physischen Leistungsmöglichkeiten der Geschlechter minderten die militärische Effizienz einer Armee.
Zum Schluß einige Kritik: Der Autor meint, 1635 habe es mit Magdeburg die letzte Plünderung gegeben (S. 154), er übersieht aber die von der Roten Armee zu dreitägiger Plünderung freigegebene Stadt Königsberg im April 1945. Die Behauptung "Zu keiner Zeit erlaubte das sowjetische Oberkommando derartige Befehle oder erlaubte seinen Soldaten, wahllos zu töten und zu zerstören" (S. 154) widerspricht so eklatant Tatsachen des Jahres 1945, daß man sich verwundert die Augen reibt. Hunderttausende deutsche Zivilisten wurden ermordet oder zur Zwangsarbeit verschleppt. Zu behaupten, "feindliche" Zivilisten seien nicht gefangengenommen worden, ist grotesk. Auch scheinen van Creveld die Zustände in den berüchtigten Rheinwiesenlagern der US-Armee 1945 unbekannt zu sein (S. 163). Ein weiterer Punkt: Zwangsarbeiter (Kriegsgefangene und Zivilisten) gab es nicht nur in NS-Deutschland oder der UdSSR, wie Creveld (S. 155) schreibt, sondern z. B. auch in Jugoslawien und Frankreich.
Trotz allem ein empfehlenswertes Buch, daher fünf Sterne.