Ein Sachbuch, besser als ein Geschichtsbuch, und dazu noch amüsant.
Dieses Buch habe ich im Anschluss an Hermann Kant, "Abspann-Erinnerungen" gelesen.
In der Zusammenschau ergibt sich für mich ein sehr lebendiges Bild der Kunst- und Literaturszene der DDR. Als älterer gelernter DDR-Bürger kennt man eine Menge der aufgeführten Personen noch aus der Presse, dem Fernsehen oder vom Film. Die Bücher, sagen wir mal: die wichtigsten der da aufgeführten Autoren, sind mir wenigstens noch geläufig, auch wenn vor langer Zeit und auch nicht alle gelesen. Heute sind die meist vergessen.
Für Nachgeborene ist beides eine sehr schwierige Lektüre, die sie wohl auch nicht mit "Wer war wer in der DDR" restlos zu überbrücken vermögen. Was sind schon Namen und Funktionen. Menschen mit Stärken und Schwächen bekommt man hier bei beiden vorgesetzt.
Reich-Ranicki hasst Kant und lobt Müller. Er mag seine Gründe haben.
Ich habe Kant und auch Müller mit kühlem Kopf gelesen. Ich muss sie nicht mögen, aber sie sind mir wichtig für die Ergänzung dessen, und zur Erinnerung an das, was ich selbst erlebte. Beide. Ich wiege sie nicht gegeneinander auf. Die neu gewonnenen Assoziationen zu mir bisher unklaren Vorkommnissen und auch die nachgelieferten Details zu Sachen, von denen man munkeln hörte, aber nichts erfuhr, sind mir wichtiger.
Kant schreibt in seine Romanen so, wie Tübcke gemalt hat. Etwas manieriert und auch etwas überzogen verschlüsselt, so dass es manchmal schon wieder etwas plump wirkt (Die Baubrigade in der altmeisterlichen Komposition als "Heiliges Gespräch", der Brigadier als Jesus ... Man hat es damals erst gemerkt als das Bild schon hochgelobt in der Ausstellung hing.)
Müllers Stücke erinnern mich an Willi Sittes Malweise, wie er den menschlichen Körper in seinen politisch motivierten Bildern darstellt, proletenhaft, nackt, gewaltsam, verletzlich, Schweiß, Blut und Tränen, heroisch und stolz mit breitem Pinsel großflächig auf die Leinwand geprügelt ... (Das, und nur so ist der Mensch!)
Diese Autobiografien sind beide von einer so nüchternen Art, dass man nicht glaubt, dass sie von diesen Autoren sind. Dazu zwei Charaktere wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Kant sucht Halt und Ordnung, Müller hat seine Lust an der Anarchie, Glaser und Steinewerfer ...
Während Kant sich seine Fragen selbst logisch auseinander entwickelt, um sie zu beantworten, Themen einkreist und Schlingen zuzieht, macht das Müller gleich in Form eines direkten offenen Interviews, was er sich selbst gibt. (Typisch: Sie haben doch jetzt alles gesagt? Nein. Ich weiß doch nicht, was ich morgen denken werde.)
Kant veröffentlichte 1991, Müller 1992. Das ist unmittelbar nach der Wende. Authentischer bekommt man es wohl nirgends.
Der Vorwurf der nicht-literarischen Form ihrer Autobiografie wurde beiden gemacht. Ich frage mich nur: Was ist denn dann Literatur, wenn das keine ist. Für mich zwei feste Landmarken in all dem nachtretend-besserwisserischen oft oberflächlichen Gewäsch der sogenannten Wendeliteratur, an denen ich mich orientieren kann, wenn ich meine eigenen Erinnerungen sortiere.
Das leiht man sich nicht. Das kauft man, weil man immer wieder darin liest.