Bernd Greiner beschreibt in seinem Band "Krieg ohne Fronten" die Dynamik von asymmetrischen Kriegen anhand der Greultaten in Vietnam. Wer verstehen will, warum die Kriege der heutigen Zeit - Afghanistan, Irak etc. - so ausarten, erhält hier die Antworten.
Von 1965 bis 1973 führten die Vereinigen Staaten einen Krieg in Vietnam, um den Vormarsch der Kommunisten zu stoppen. Die USA waren nämlich von der Angst besessen, dass falls Südvietnam in die Hände des Vietcong fallen würde, dies einen Dominoeffekt ausgelöst hätte und der Kommunismus sich alsbald in der Region unaufhaltsam ausbreiten würde. Die USA planten einen schneller Sieg, doch der Krieg wurde für die USA zu einem Desaster und tausende von Menschen starben bei den Kriegshandlungen. Den 50.000 getöteten US-Soldaten stehen etwa 440.000 Vietnamesen gegenüber. Hinzu kommen noch über 600.000 getötete Zivilisten. Damit gilt der Vietnamkrieg als einer der gewalttätigsten Kriege und niemals zuvor oder danach wurden so viele Vernichtungsmittel eingesetzt wie hier. "Amerika gewinnt die Kriege, die es anfängt."
Warum waren die militärisch weit überlegenen Amerikaner nicht in der Lage die Truppen des Vietcong zu besiegen? Wie konnte es überhaupt zu so einer hohen Zahl an getöteten Zivilisten kommen? Warum wurden die Greultaten lange Zeit verschwiegen?
Dies sind nur einige der Fragen die der Hamburger Historiker und Politologe Bernd Greiner in dem Band "Krieg ohne Fronten" beantwortet. Der Vietnamkrieg war ein asymmetrischer Kriege. Bei dieser Art von Kriegsführung kämpft ein starker Gegner gegen einen schwachen. Diese Art von Kriegen finden zur Zeit viele statt, sei es in Afghanistan oder Irak. Immer erhofft sich die starke Partei eine schnelle Entscheidung durch ihre militärische Übermacht. Doch wie auch die jüngsten Beispiele zeigen, gelingt es nicht. Einer der Fehler, der Kriegsmächte ist, wie Greiner darlegt, dass diese Kriege mit Schlachtplänen aus der Vergangenheit begangen werden. Denn was damals funktionierte, sollte auch heutzutage zum Erfolg führen. Doch asymmetrische Kriege haben eine eigene Dynamik und verlangen andere Strategien.
Bei einem asymmetrischen Krieg kann die stärkere Partei nur gewinnen, wenn sie schnelle Erfolge vorweisen kann. Je länger der Krieg dauert, desto besser ist es für den schwachen Gegner. Da die Bevölkerung in demokratischen Ländern zusehends den Krieg hinterfragt, vor allem wenn immer mehr eigene Landsleute fallen.
In Vietnam bestand die Taktik des Vietcong in gezielten Vorstößen, die die Amerikaner aus der Reserve locken und in unsinnige Manöver verstricken sollten. Viele der Kriegsplätze waren hart umkämpft, im Grunde waren sie aber unbedeutend. "Vietnam als solches war nicht bedeutend. Was am Beispiel Vietnam zählte, war, dass Freunden und Verbündeten demonstrativ amerikanische Unterstützung und unseren Feinden amerikanische Willensstärke vor Augen geführt wurde."
Obwohl den Amerikanern schnell klar wurde, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, bestanden die verschiedenen US-Präsidenten auf einer Fortsetzung des Krieges. "Wir mussten die Sache durchstehen...In Vietnam geht es zu 70 Prozent darum, nicht gedemütigt zu werden."
Nachdem es erste Berichte über Massaker - My Lai - durch amerikanische Soldaten gab, führte das Verteidigungsministerium umfangreiche Untersuchungen durch. Diese Akten wurden dann zwanzig Jahre unter Verschluss gehalten und erst 1994 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Greiner ist einer der ersten, der in mühsamer Arbeit tausende von Archivboxen gelesen und ausgewertet hat. In mehreren Kapiteln erklärt er zunächst die Dynamik von asymmetrischen Kriegen und behandelt dann die Absichten und Handlungen der Generäle, Offiziere und einfacher Soldaten. Diese iefen oft tagelange ziellos durch den Dschungel und empfanden immer mehr Wut auf alle Vietnamesen. Diese Wut wurden zudem von den Offizieren gefördert und die Soldaten fühlten sich als Versuchskaninchen ihrer Vorgesetzten. Es sollte eine Grenze gezogen werden zwischen Them and us. Deshalb erhielten die Vietnamesen abwertende Spitznamen und bald wurde kaum noch Unterschieden zwischen Kämpfern des Vietcong und Zivilisten.
Für die Oberbefehlshaber der Armee war ein Krieg nur erfolgreich, wenn es einen hohen Body count gab. Deswegen wurden viele getötete Zivilisten im Nachhinein als Soldaten deklariert. Es wurde wahllos geschossen, geplündert, vergewaltigt. Die amerikanischen Soldaten empfanden das Töten als eine Erleichterung, als ein Triumph über den Tod. "Ich sah nichts falsches, sonst hätte ich doch Gewissenbisse gehabt."
Doch nicht nur die Amerikaner töteten unschuldige Zivilisten, auch der Vietcong benutzte die Menschen als Schutzschilde und setzte sie gezielt dem amerikanischen Hass aus. Und die Amerikaner standen unter einem hohen Erfolgsdruck, war der Krieg doch ein Stellvertreterkrieg im kalten Krieg zwischen den USA und Russland. "Im Falle einer Niederlage in Vietnam wird das amerikanische Volk sich nie wieder an anderen Orten behaupten."
Auch der Frage nach der Strafverfolgung der Kriegsverbrechen geht Greiner nach. "Es wurde vertuscht, weil es im Interesse des Landes war."
Bernd Greiner hat ein wichtiges, bedeutendes Werk geschaffen. Es ist sehr informativ und seine Aussagen werden durch viele Belege verifiziert. Wobei der Autor die Befürchtung hat, dass die Akten, die er eingesehen hat, demnächst wieder unter Verschluss gehalten werden. Mit seinem veröffentlichten Buch aber vieles nie mehr vergessen wird. Wer asymmetrische Kriege verstehen will und warum Soldaten zu Massakern neigen und Unschuldige töten, wer die Bilder von den amerikanischen Soldaten in Abu Ghraib gesehen hat und sich fragt, wie es so weit kommen konnte, muss das Buch lesen.