Hamed Abdel-Samad hat ein herausragendes, wichtiges, berührendes und mitreißendes Buch geschrieben - und das war sein erstes Werk: "Mein Abschied vom Himmel". Die beiden folgenden Werke ließen in der Qualität deutlich nach, das zweite, "Der Untergang der islamischen Welt", enthält meines Erachtens noch eine sehr wichtige und richtige Kernthese, welche die Kernprobleme der arabischen Welt gut auf den Punkt bringt (vor allem der fehlende Zugang zur Moderne). Allerdings störte mich bereits beim zweiten Werk der deutlich reißerische Titel, was nun, mit "Krieg oder Frieden", noch gesteigert wurde. Meiner Meinung nach hat ein so intelligenter Autor, der so viel zu sagen hat (und der so gut schreiben kann), es nicht nötig, seine Bücher derartig inflationär zu betiteln. Man merkt "Krieg oder Frieden" an allen Ecken und Enden an, dass es mit heißer Nadel gestrickt ist, wahrscheinlich deshalb, um den hohen Bekanntheitsgrad des Autors nach der ägyptischen Revolution in schnelle Buchmünze umzumünzen. Generell ist das völlig legitim, denn der Autor hat jedes Recht, von seiner Arbeit gut zu leben, nur sollte so ein kritischer Geist wie Abdel-Samad sich nicht solche Titel aufschwatzen lassen. Neben vielen deutlich redundanten Stellen in diesem Buch (z.T. im Wortlaut des Vorgängerwerkes!) ist es so, dass diejenigen Passagen, die den Titel überhaupt rechtfertigen könnten, nämlich die Frage nach der Handlungsweise des Westens bezüglich der Arabellion, zugleich die schwächsten Teile des Buches sind. Hier merkt man deutlich, dass der Autor kein gelernter Ökonom und auch kein Historiker ist, seine Schlussfolgerungen sind dementsprechend einfach, eindimensional und z.T. auch in ihrer Kürze schlicht falsch. Z.B. bemüht der Autor die Weimarer Verfassung als Beispiel für eine schlechte Verfassung, die dann den Nationalsozialismus möglich gemacht habe. Tatsächlich spielten beim Untergang der Weimarer Republik aber noch ganz andere Faktoren eine Rolle, die Verfassung selbst war sehr demokratisch und nicht schlechter als viele andere demokratische Grundordnungen des Westens, dort aber entstanden keine faschistischen Regime. Undzwar deshalb nicht, weil ein System immer nur so gut ist wie die Menschen, die darin leben - und weite Teile der deutschen Bevölkerung hegten für die Demokratie eben keine positiven Gefühle. Ein Thema übrigens, was auch für Ägypten ertragreich diskutiert werden könnte, denn dort haben wir eigentlich eine ähnliche Frage zu beantworten. Die Liste der Argumentationsschwächen bei Abdel-Samad ließe sich fortführen, meiner Meinung nach erfährt der informierte Leser im letzten Drittel des Buches kaum noch Neues und dafür viel Strittiges. Richtig stark ist hingegen der erste Teil der Buches, dort, wo der Autor seine Erlebnisse während der Revolution ausbreitet. Hier ist das Buch packend, hier hat der Autor anderen westlichen Autoren, die über die Revolution berichten (wie z.B. Armbruster), deutlich voraus, dass er in der ägyptischen Gesellschaft zu Hause ist, dass er arabisch spricht, dass sich ihm die Menschen ganz anders öffnen, dass er genau weiß, wovon er redet - und dass er einfach packend schreiben kann.
Dennoch kann ich insgesamt nicht mehr als drei Sterne verteilen; vielleicht, weil ich nach den Vorgängerwerken einfach mehr erwartet und verlangt habe; vielleicht, weil man dem Buch anmerkt, dass es so schnell zusammengeschnippelt wurde (es fehlt auch ein Roter Faden, vieles wirkt assoziativ, wirkt aneinandergereiht und sprunghaft); vielleicht, weil Titel und Untertitel (reichlich apokalyptisch: "Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens") einfach Dinge versprechen, die das Buch bzw. der Inhalt anschließend einfach nicht halten können. Dennoch empfehle ich dieses Buch denjenigen, die einen hervorragenden Revolutionsbericht aus der Feder eines Menschen suchen, der beide Seite (Westen und Nahen Osten) sehr gut kennt und der beide Seite kritisch betrachtet (eine seltene Mischung!) mit Nachdruck. Andere, die den "alten Abdel-Samad" suchen, finden ihn in diesem Buch nicht überall - er blitzt aber bisweilen auf.