Diesmal tue ich mich schwer mit dem Buch. Niall Ferguson ist wohl vor allem durch seine Studie vom 1. Weltkrieg namens "Der falsche Krieg" bekannt geworden. Das Buch war sehr spannend, weil es eine neue, kreative Perspektive auf ein schon längst bekanntes und schon oft beschriebenes Thema warf. Man liest dort oft zwischen den Zeilen: Hat das Eingreifen Englands in den 1. Weltkrieg möglicherweise direkt in die Katastrophe des 2. Weltkrieges geführt? Am Ende des Buches will man diese These fast glauben, da Ferguson überzeugend recherchiert und schreibt und auch noch viele, gute Argumente auf seiner Seite hat.
Das Thema des neuen Buches ist nicht so weit von dem ersten, bekannten Werk entfernt. Es werden die wesentlichen Konflikte des 20. Jahrhunderts mit ihren Ursachen im 19. Jahrhundert beschrieben. Dabei werden nicht nur die Grausamkeit der Konflikte, der Blutzoll und die Verwendung von neuen, schrecklichen Waffen in den Vordergrund gestellt. Ferguson geht es auch darum, den Abstieg des Dominanz Europas in der Welt zu zeigen. Er sieht insbesondere eine Machtverlagerung in Richtung Fernost. Nicht zuletzt deshalb lässt er seine Geschichte des 20. Jahrhunderts mit der dem russisch-japanischen Krieg von 1905 beginnen. Aber ist das Denken in den Fragen der Machtpolitik in der heutigen, globalisierten Welt wirklich noch aktuell?
Ich muss auch gestehen, dass ich vielen seiner Argumentationen diesmal nicht folgen kann. Die Frage, die sich mir nach dem Buch eher stellt, ist die nach den Gründen der politischen Besonderheiten des 19. Jahrhunderts. Warum war Europa hier eigentlich so dominant? Warum gab es relativ wenige und vor allem relativ begrenzte Konflikte? Ferguson beschreibt die neue Qualität der Nationalstaaten als eine Begründung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Diese sind aber im 19. Jahrhundert schon entstanden. Warum haben die Katastrophen nicht 50 Jahre früher stattgefunden? Möglicherweise ist schon das Thema des Buches falsch gewählt, weil es die wirkliche Besonderheit, die halbwegs zivilisierte Welt unter der Dominanz des britischen Empires des 19. Jahrhunderts, nicht versteht. Denn auch bis 1815 gab es weltweite und mit der technisch maximal möglichen Zerstörung verbundene Konflikte in einer schrecklichen Regelmäßigkeit. Ferguson erwähnt diesen Sachverhalt übrigens selbst im Buch.
Neben der aus meiner Sicht fragwürdigen Grundthese des Buches kann ich dem Autor diesmal auch in Details nicht folgen. Die Reaktion der Finanzmärkte während des Ausbruchs des 1. Weltkriegs mag sorgfältig recherchiert sein. Die Schlüsse der Wahrnehmung der Börsenhändler auf das Weltgeschehen scheinen mir dagegen dürftig begründet. Gleiches gilt für die Einschätzung, die 1914 handelnden Monarchen hätten noch für eine Begrenzung des Konfliktes sorgen wollen. Wer sich einmal die Ansprache unseres guten Willhelms zu Kriegsbeginn an sein Volk anhört (es gibt noch eine Tonaufzeichnung) wird das bezweifeln. Auch was Willhelms Verhalten in den Jahren zuvor angeht, wird man es nicht wirklich als Deeskalation bezeichnen können. Als der Autor dann den deutschen Historikerstreit aus den späten achtziger Jahren wieder aufnimmt, erscheint mir seine Stellungnahme für die damaligen Aussagen von Nolte und gegen Habermass auch etwas zu einfach. Und das sind nur wenige von vielen Beispielen, die mich beim Lesen eher irritieren.
Auf der anderen Seite ist das ganze als Erzählung der Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere als Überblick über eine damals unglaublich grausame Welt wiederum gut gelungen. Es liest sich erschütternd und detailreich, und als Hobbyhistoriker findet man schon viele neue Informationen. So wäre das Buch vielleicht besser geworden, wenn sich Ferguson nicht das Ziel gesetzt hätte, kreativ und umstritten zu sein. Manchmal ist weniger doch mehr.