Gemessen an dem, was sich Baker in seinem Vorwort zum Ziel setzte, müssen dem Buch alle Sterne verliehen werden. Ihm ist es überaus trefflich gelungen, die gestellten Fragen zur Sexualität des Menschen auf anschauliche Weise zu beantworten. Die gewählte Methode, Szenen aus realen Ereignissen zusammenzusetzen und anschließend mit den neuen Erkenntnissen zu erläutern, macht die zum Teil komplexen Zusammenhänge auf einfache Art deutlich. Dies kommt seinem Ziel, die Revolution des Verständnisses der menschlichen Sexualität zu forcieren und unter nicht Wissenschaftler zu tragen, sehr zu gute.
Selbstverständlich wird dem mehr wissenschaftlich interessierten Leser dabei zu viel verloren gehen. Verweise und Zahlen fehlen fast vollständig. Exkurse in die Biochemie und Neurologie werden komplett vermieden. Auch wären ein paar Informationen zur Populationsgenetik, zur Soziobiologie und Evolutionsbiologie sehr gut gewesen. Das war aber nicht der Grundgedanke und kann in einem anderen Buch von ihm und seinem Kollegen nachgelesen werden.
Dadurch ist ein Buch entstanden, dass sehr schnell und leicht zu lesen ist, sich sehr unbefangen und frei an die Thematik heranwagt und mit sehr vielen hochinteressanten und überraschenden Zusammenhängen aufwartet. Es macht außerordentlich viel Spaß, es zu lesen.
Nur wenige Kapitel wie die zum Thema Vergewaltigung sind naturgemäß (alle Bücher zu diesem Thema unterliegen diesem Problem) belastend. In diesem Zusammenhang wird es ihm gelingen, die meisten Leser zu überzeugen, jedoch wäre eine noch intensivere und ausführlichere Überzeugungsarbeit besser gewesen.
Gemessen an anderen Büchern schießt Baker nicht all zu oft mit seinen Spekulationen über das Ziel hinaus. Die Soziobiologie ist zwar neu und noch umstritten, doch macht der Autor sehr oft plausibel, dass damit sehr wohl viele Dinge erklärbar werden. Selbstverständlich darf man diese Erkenntnisse nicht als vollständig ansehen und glauben, nun jeden Einzelfall erklären zu können. Das ist gefährlich und hätte von Baker deutlich hervorgehoben werden müssen.
Daran schließt sich eine letzte Kritik an. Nie taucht das Thema Liebe als Diskussionsgegenstand auf. Aber etwas, was von nicht wenigen Menschen als ursprüngliches und unabhängiges Phänomen von gewaltigem Einfluss (bis hin zum Selbstmord) jeden Tag erlebt wird, bedarf einer Erklärung. Viele glauben, dass Liebe mehr ist als ein Trieb. Baker schreibt aber so gefühlskalt und distanziert, dass genau dies nicht so erscheint. Was ist nun der Fall? Eine ganze Menge Hinweise sprechen leider für die Liebe als Produkt der Evolution, jedoch wird jede überzeugende Diskussion und Erklärung vermieden. Hier fehlt eindeutig ein Kapitel, dass sich mutig mit diesem Thema befasst.
Die Kritik reicht nicht aus, um einen Stern abzuziehen. Dafür ist das Buch viel zu gut und zu interessant. Wenngleich Wissen das Leben auch nicht einfacher macht, so sollte dieses Buch jeder lesen. Oder gibt es etwas größeres, als ein Stück mehr von der Welt zu verstehen?