"In Fällen, die von den geschriebenen Regeln des internationalen Rechts nicht erfasst sind, verbleiben Zivilpersonen und Kombattanten unter Schutz und der Herrschaft der Grundsätze des Völkerrechts, wie sie sich aus den feststehenden Gebräuchen, aus den Grundsätzen der Menschlichkeit und aus den Forderungen des öffentlichen Gewissens ergeben."
(Martens'sche Klausel der Haager Konventionen)
Die militärischen Auseinandersetzungen in den ehemaligen deutschen Kolonien (1914 - 1918) stellen innerhalb des Ersten Weltkrieges nur eine Episode dar, die letztendlich keinerlei Auswirkungen auf Europa nach sich zog. Diese eurozentristische Blickwinkel mag dazu geführt haben, dass diese Nebenkriegsschauplätze bis heute in der Forschung zur Geschichte des Ersten Weltkrieges und den deutschen Kolonien vernachlässigt wurde. Dies gilt besonders für die oftmals gravierenden Auswirkungen auf die afrikanische Zivilbevölkerung, die der Kriegsverlauf und die Kriegshandlungen nach sich zogen. Alleine anhand biographischer Forschungen zu General Paul Emil von Lettow-Vorbeck, dem letzten Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika, erlangte man - wenn auch nur oberflächlich - Einblicke in die damaligen Ereignisse. Mit nur 200 weißen Offizieren und 2500 Askaris konnte der aus einem pommerschen Adelsgeschlecht stammende General dank seiner Guerilla-Taktik einer mehr als 100fachen Übermacht der Entente auch nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11.11.1918 im Salonwagen in Compiègne noch Widerstand leisten. Erst zwei Wochen später legte er auf Weisung Berlins die Waffen nieder. Bei seiner Rückkehr in die Reichshauptstadt im März 1919 wurden ihm und den überlebenden 143 deutschen Soldaten ein triumphaler Empfang bereitet. Später versuchte der NS-Staat vergeblich den lebenden Heldenmythos Lettow-Vorbecks zu instrumentalisieren. Im Zuge einer kritischen Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands, wurden nach der Jahrtausendwende nach Lettow-Vorbeck benannten Straßen und Einrichtungen umbenannt....
Uwe Schulte-Varendorff hat bereits in seinem 2006 erschienenen Band "Kolonialheld für Kaiser und Führer. General Lettow-Vorbeck - Mythos und Wirklichkeit" einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung geleistet und der - teilweise bis zum heutigen Tage vorherrschenden - verklärten und damit falschen Sichtweise auf die deutsche Kolonialgeschichte und ihren legendären Hauptprotagonisten eine klare Absage erteilt.
Fünf Jahre nach seinem ersten Buch, das als fünfter Band in der Reihe "Schlaglichter der Kolonialgeschichte" erschienen ist, hat der engagierte Osnabrücker Geschichtswissenschaftler Schulte-Varendorff nun mit Band 13 "Krieg in Kamerun" ein weiteres Kapitel einer für alle Parteien unrühmlichen Kolonialgeschichte aufgeschlagen. Der Krieg um Kamerun dauerte vom 5. August 1914 bis in den März 1916 und stellt somit nach den Kämpfen in Ostafrika, die zweitlängste militärische Auseinandersetzung in den einstigen deutschen Kolonien während des ersten Weltkrieges dar. Auch für seine zweite, breit angelegte Analyse der historischen Ereignisse hat sich der Autor erneut einer sehr großen Zahl von Quellen bedient, was alleine durch dem Umfang der aufgeführten Anmerkungen (35 Seiten) und ein 18seitiges (!) Quellen und Literaturverzeichnis, zu dem auch unveröffentlichte Quellen des "Reichskolonialamtes", der "Deutschen Kolonialgesellschaft" und anderer Institutionen gehören, deutlich.
Schulte-Varendorffs kritische Auseinandersetzung mit den Gewalterfahrungen deutscher Kolonialherrschaft und dem schmutzigen Krieg (der verbrannten Erde) gegen die afrikanische Zivilbevölkerung wird sicherlich, wie auch die Infragestellung einer Treue bis in den Tod seitens der afrikanischen Soldaten der Schutztruppe, manchem Leser sicherlich nicht gefallen. Dennoch ist dem Autor auch diesmal ein wichtiger Beitrag zu einer Aufarbeitung und einer neuen Orientierung des Gedenkens gelungen.
Eine ganze Reihe - teilweise seltener - schwarzweißer Fotos und Abbildung, wie ein die Luftaufnahme vom Gefecht um Garub im Jahre 1915 bieten eine hervorragende Visualisierung des Textes. Ein Landkarte zeigt, dass die spanische Kolonie Rio Muni damals eine neutrale Enklave innerhalb Kameruns bildete, in der sich große Teile der Schutztruppe flüchten konnten. Ein Orts- und ein Personenregister bilden den Abschluss einer wissenschaftlichen Pionierarbeit, die mit 5 Amazonsternen zu bewerten ist.