An der Thematik Verfilmter Roman" scheiden sich die Geister. Die einen jammern, wenn der Film nicht in allem oder doch weitestgehend der Vorlage entspricht, die anderen ödet es, wenn literarische Längen des Originals übernommen werden, nur um möglichst werkgetreu zu sein. Letzteres trifft in diesem Fall voll und ganz zu. Man mag zu der Version mit Audrey Hepburn, Mel Ferrer und Henry Fonda stehen wie man will - in dieser Fassung wurden die Haupthandlungsstränge des Romans aufgegriffen und sehr viel Unnötiges fortgelassen, was (leider) in die vorliegende BBC-Fassung Eingang gefunden hat.
Doch zunächst zur Besetzung. Morag Hood als Natascha ist eine glatte Fehlbesetzung. Zum einen sieht man sofort, daß sie die 18 Jahre, die sie bei Tolstoi zählt, bei weitem hinter sich gelassen hat, zum anderen pflegt sie einen unsäglich gleichförmigen Spielstil, der ganz dazu angetan ist, einem das Zuschauen zu verleiden. Sie ist weder jungmädchenhaft-naiv noch bezaubernd oder graziös und läßt durch ihre Plumpheit den Zuschauer wehmütig an Audrey Hepburn denken. Ihr Hauptausdrucksmittel ist der ständig aufgerissene Mund, mit dem sie sowohl Kummer und Freude wie Erstaunen und Überraschung ausdrückt.
Fiona Gaunt als kokette Helène übertreibt maßlos in ihrem Bemühen, diese Figur ebenso sinnlich-verführerisch wie egozentrisch-selbstbewußt zu zeichnen.
Zum Glück gibt es in dieser an Längen und Langatmigkeiten reichen Produktion Anthony Hopkins, der dem Pierre Besuchow ein ganz eigenständiges, restlos überzeugendes Profil verleiht. Zählte er nicht zur Riege der weitgehend guten Schauspieler, würde man dieser Verfilmung bald müde sein. Zunächst wähnt man sich ohnehin im falschen Film, da man über die ersten Episoden hinweg den Eindruck gewinnt, versehentlich in die behäbige, steifleinene Inszenierung eines Jane Austen-Films geraten zu sein. John Davies pflegt diese Linie durch die gesamte Länge seiner Version, so daß auch die Schlachtenszenen - mit einer Ausnahme - brav und bieder ausgefallen sind. Die Bilder von den kriegerischen Auseinandersetzungen wirken wie aneinander geklebt, ganz so als blättere man in einem Photoalbum.
Die Betulichkeit der BBC-Fassung verströmt arg viel Mief von vorgestern und artet oft genug in pure Langeweile aus, vor allem dann, wenn endlose Gespräche und Debatten geführt werden. Restlos überflüssig ist z. B. gleich zu Beginn die ausgewalzte Aufzählung der Armeen samt ihren Befehlshabern sowie die folgende Szene zwischen Napoleon und Fouchet. Das strapazierte Interesse des Zuschauers erlahmt immer wieder, vor allem dann, wenn gänzlich unnötige und von der eigentlichen Handlung nur ablenkende Details aufgegriffen werden, beispielsweise das umständliche Abladen von Gepäck, die endlos dauernde Szene mit Pierres schreiendem Diener, die Katja"-Szene sowie die mit Captain Ramballe, bei der noch ein reichlich banaler Dialog hinzukommt. Entschieden zu ausufernd ist auch die komplett unwichtige Jagdszene, desgleichen Nataschas Tanz-Szene, und die Theaterszene ist ohnehin fehl am Platz. Man könnte noch mehr solcher Dinge aufzählen - das vom Gefangenen genähte Hemd, der unendlich lange Abmarsch der französischen Armee -, doch das würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen. Jedenfalls trägt keine der erwähnten Einzelheiten auch nur das mindeste zur Spannung oder zur Bereicherung der Charakterisierung einer Person bei.
Positiv im Vergleich zur Hollywood-Filmfassung sind die Konversation zwischen Feldmarschall Kutusow (exzellent: Frank Middlemass), die Unterredung des Feldmarschalls mit seinen drei Generälen, desgleichen die Szene zwischen Maria, Nikolai und Graf Rostow (vorzüglich: Rupert Davies), vor allem aber die Gespräche zwischen Andrej und Kutusow sowie Andrej und Pierre, die allesamt zu den Höhepunkten dieser Filmfassung zählen.
Es enerviert, mehrmals die Gedanken der handelnden Person durch seinen Sprecher aus dem Off vorgetragen zu bekommen, und noch ärgerlicher ist das über weite Strecken aufgerissene, grobkörnige und streifige Bild.
Fazit: Wer eine adäquate Bebilderung des Buches haben möchte, ist mit dieser Filmversion bestens bedient; wer einen die Essenz des Werkes wahrenden und gleichzeitig fesselnden, von allen Beteiligten ohne Ausfall hervorragend gespielten Film sucht, sollte zu dem mit der grazilen, zauberhaften und wundervollen Audrey Hepburn greifen.