Marie-Janine Calics Buch ist kein einfaches. Die erweiterte Neuausgabe erschien 1996, kurz nach dem Daytoner Abkommen, das - für viele überraschend - die Kriege um Bosnien-Hercegovina beendete.
Sorgfältig hat die Autorin aus hunderten von Quellen Fakten und Antworten zusammengetragen. Knapp und präzise berichtet sie von der Geschichte des Landes: Von der Schlacht auf dem Amselfeld, 1389, und dem Mythos, zu dem dieses eher beiläufige Ereignis für die serbischen Nationalisten wurde. Von der Entstehung Jugoslawiens aus der Konkursmasse Österreich-Ungarns, nach dem 1. Weltkrieg. Vom klerikalfaschistischen
Ustascha-Regime, das 1941-45 den Vasallenstaat Kroatien von deutschen Gnaden lenkte, Bosnier und vor allem Serben "kroatisierte", vor allem: zwangskatholisierte, und zu hunderttausenden ermordete - oft direkt nach der Bekehrung. Von Titos erzwungenem Pan-Jugoslawismus, der Unterdrückung jeglicher Nationalismen, dem Versuch des Ausgleichs. Vom Zerfall des Bundesautorität nach Titos Tod 1980, dem Aufstieg der Kirchen und des Nationalismus, beide gerade im serbisch-orthodoxen Raum eng miteinander verknüpft.
Ich erfuhr, wie Machtpolitiker den Nationalismus schürten, ihre Region als besonders benachteiligt herausstellten, die Historie zu nutzen wußten und mit ihr neuen Haß, neue Kriege zu begründen wußten. Wie die neue kroatische Führung direkt an die Symbolik und Traditionen der Ustascha-Zeit anknüpfte. Wie an die fünfzig militärische und paramilitärische Organisationen von den Kriegparteien ausgebildet, ausgerüstet und mehr oder minder stark kontrolliert wurden. Wie der serbische Politiker Milosevic 1989 mit einer Brandrede zum Führer der serbischen Nationalisten avancierte. Wie Medien in der Hand der Politiker die Völker zu hassen lehrten.
Calic nennt Fakten und Zahlen. Sie belegt, daß die ethnischen Konflikte nicht die Ursache des Zerfalls Jugoslawiens sind, sondern deren Folge. Sie zeigt, wie verbreitet "Mischehen" waren, wie wenig trennbar die Siedlungsräume der einzelnen Ethnien waren, wie fraglich die ethnischen Abgrenzungen sind. Sie erklärt, warum die Vorschläge des Westens, die Grenzen Jugoslawiens nach ethnischen Kriterien festzulegen, zu umfangreichen Vertreibungen und damit zur Konfliktverschärfung beitrugen.
Man kann nachlesen, was es mit den bosnischen "Muslimen" auf sich hat, die weniger eine religiöse denn eine Volksgruppe sind (und oft genug - Atheisten). Wer für die Aufteilung des multikulturellen Mittelteil des vormaligen Jugoslawiens Krieg führte - und mit welchen Zielen. Wie Uneinigkeit der Europäer und Amerikaner, Fehleinschätzungen, unerfüllbare Versprechen seitens des Westens den Krieg verlängerten, Dutzende von Friedensabkommen zur Makulatur werden ließen.
Karten, Daten, Zahlen, Tabellen, harte Fakten wechseln sich auf knapp 300 Seiten mit kurzen Analysen, Hintergründen und begründeten Einschätzungen ab. Der sachliche, gedrängte Stil macht es zu keiner einfachen Lektüre, trotzdem bleibt es durchgehend verständlich und lesbar. Die Genauigkeit, die Belegung aller Aussagen an der Literatur und die schiere Menge an Literaturhinweisen machen dieses Buch zum idealen Ausgangspunkt für alle, die wissen wollen, was in Jugoslawien vor sich ging. Es ist unverzichtbar, wenn man die späteren Konflikte im Kosovo und in Mazedonien verstehen will - und auch die Rolle, die Deutschlands Politiker und Soldaten seither in dieser Region spielen.
Trotz seines Alters (und der dadurch bedingten Un-Aktualität, was spätere Erkenntnisse und Ereignisse betrifft) ist das Buch immer noch einer der besten Ausgangspunkte für ein Verständnis dieser Region Südosteuropas.