Endlich! Endlich gibt es eine deutsche Übersetzung von "The River War: an account of the reconquest of the Sudan". Über einhundert Jahre nach der Erstveröffentlichung hat sich der Eichborn Verlag mit der Reihe "die andere Bibliothek" dieses Buches angenommen. Eine werthaltige Ausgabe, sowohl haptisch als auch optisch. Danke sei gesagt!
Winston Churchill hat in all seinen Artikeln und Büchern immer unbefangen Stellung genommen - ein Freigeist. Jedoch, was in literarischen Kreisen auf Wohlwollen stieß, wurde von militärischer Seite als vorlaute Kritik aufgefasst. Kein Wunder also, daß Horatio Herbert Lord Kitchener - der Sidar - nicht davon begeistert war, den jungen Churchill auf seinem Feldzug mit dabei zu haben. Nur dank der Verbindungen von Churchill's Mutter und durch die Einflussnahme des Premierministers sowie des Kriegsministers wurde Kitchener dazu bewegt, Churchill mitzunehmen.
"The River War" war das erste Werk Churchill's, welches eine Symbiose von geschichtlichem Rückblick, Reportage des eigentlichen Geschehens und Ausblick in die Zukunft darstellt. Mit diesem Werk hatte Churchill seinen Stil gefunden. Die ersten fünf Kapitel beschreiben die Geographie und Geschichte des Sudan; immerhin mehr als 1/3 dieses Werkes. Insbesondere widmet sich Churchill dem Mahdi, dem Schicksal Gordons sowie dem Reich der Derwische. Erst danach beschreibt er vom Beginn des Krieges über die kühne Besetzung von Berber bis hin zu den Schlachten von Atbara und Omdurman den Verlauf des Feldzuges. Nach dem Fall der Stadt folgen noch Kapitel über das Ende des Khalifa (Nachfolger des Mahdi) sowie des Sudans; diese beinhalten auch die Gedanken wie die Zukunft des Sudan aussehen könnte (Regierungsform, Bewässerung durch Nutzung des Nils, Schulsystem, etc.).
Der Mahdi - der Eine oder Andere wird sich an die Werke von Karl May erinnern. Der Mahdi Churchill's hat nichts mit dieser Darstellung zu tun. Churchill beschreibt die Kindheit von Mohammed Ahmed - dem späteren Mahdi - mit den folgenden Worten (S. 65): "Einsame Bäume, wenn sie überhaupt gedeihen, werden stark, und ein Junge, dem die väterliche Zuwendung abgeht, entwickelt, wenn er die Gefahren der Jugend heil übersteht, oftmals eine Unabhängigkeit und Eigenständigkeit im Denken, die auf seinen späteren Lebensweg den frühen Verlust wettmacht. So war es auch bei Mohammed Ahmed." Merkwürdig, mir ist bei diesen Worten auch der Knabe Winston eingefallen, der vergeblich die Aufmerksamkeit seines berühmten Vaters Lord Randolph suchte. Zurück zum Mahdi: er wurde Prediger. Der Erfolg seiner Bewegung basiert aber lt. Churchill auf gesellschaftlichen und rassistischen Gründen. Das Elend der Massen unter der Herrschaft von Fremden. Der Mahdi befreite die Stämme indem er ihnen den "Feuereifer" gab, welcher ihnen fehlte. Im Gegensatz zur damals gängigen Meinung, sieht Churchill den Mahdi nicht als religiösen Hochstapler, sondern als Held seines Volkes (S. 83). Mordlust wie vom Rezensenten der Welt - Jacques Schuster - beschrieben, vermag ich in der Beschreibung Churchill's vom Mahdi nicht zu erkennen.
Das nächste Kapitel ist dem Abgesandten gewidmet: General Charles Gordon. Man traute ihm zu den Mahdismus einzudämmen, verweigerte ihm aber die erforderlichen Ressourcen, so dass er schließlich als Märtyrer in Khartoum dahingeschlachtet wurde. Churchill zitiert hier auch aus den Journals at Khartoum, dem Bericht Gordon's.
Nach dem Fall Khartoums wandelte sich der bislang asketisch lebende Mahdi und gab sich fortan weltlichen Freuden hin. Eine neue Hauptstadt wurde gebaut: Omdurman. Fünf Monate nach seinem Sieg verstarb er aber an Typhus und übergab seinem getreuen Anhänger dem Khalifa Abdullahi sein Reich. Im Folgenden wird von dessen Herrschaft die Rede sein, auch von dem zwar siegreichen, aber für das Land katastrophalen Krieg gegen Abessinien. Interessant sind dabei die Methoden des Machterhaltes des Khalifa: Eliminierung bzw. Neutralisierung von potentiellen Rivalen, militärische Machtkonzentration und Wahrung einer gewissen Balance zwischen den Stämmen.
Es folgen die Jahre der ägyptisch-englischen Kriegsvorbereitung und der Feldzug selber bis hin zur berühmten Schlacht von Omdurman. Diese gilt militärgeschichtlich in taktischer Hinsicht als Wendepunkt: einerseits wegen der später nicht mehr üblichen frontalen Attacken, andererseits wegen des Einsatzes von modernen Waffen, insb. der neuentwickelten Maxim-MPs. Zunächst wurde die englisch-ägyptische Armee von der schieren Anzahl der Derwische überrascht: der Khalifa hatte eine Armee von sechzigtausend Mann, von denen allerdings noch ca. 6000 desertierten. Aufgrund der besseren technischen Ausstattung ergab sich aber nach der Einnahme von Omdurman das folgende Bild: die Verluste der britischen und ägyptischen Verbände betrugen 482 Mann (Tote und Verwundete) wohingegen die Derwische geschätzt 9700 Gefallene sowie 10 - 16 Tausende Verwundete zu beklagen hatten (S. 367). Die Macht der moderenen Waffen!
Die Sorge Kitchener's vor einer Teilnahme Churchill's war im Übrigen nicht unbegründet, denn Churchill hat in seinem Werk die Schändung des Grabmals des Mahdi, welche von Kitchener befohlen wurde, sowie das Abschlachten von wehrlosen gegnerischen Verwundeten angeprangert.
So außerordentlich differenziert und objektiv Churchill in der Regel auch schreibt, so treffen ein paar Formulierungen doch nicht unseren Zeitgeist - man merkt daran, dass dieses Buch vor über einhundert Jahren geschrieben wurde. Zum Beispiel die folgende Beschreibung: "Der Neger war ihm in all diesen Eigenschaften unterlegen. ... Jederzeit erregbar und oft widerspenstig, verlangt er nach der strengsten Disziplin. Liederlich und zugleich seiner Frau treu ergeben, ... , und alles in allem war der Sambo - ... - ein faules, aufbrausendes und verrufenes Kind" (S. 163). Die Aussagen Churchill's in Rassenfragen sind meiner Meinung nach völlig unangemessen. Dennoch will ich es erwähnen, da sie eine andere Seite des späteren Politikers zeigen, die häufig angesichts seiner Verdienste im zweiten Weltkrieg in Vergessenheit gerät.
Darüber hinaus enthält das vorliegende Werk aber auch zahlreiche positiv-bemerkenswerte Äusserungen, die uns auch heute noch unverändert gültig sind, z.B. insbesondere seine Gedanken zur Ausrichtung eines zukünftigen Regierungssystems im Sudan (S. 433) und seinen Erkenntnissen zur Kolonialpolitik.
Eines will ich an dieser Stelle noch anmerken: lt. Churchill hat der Khalifa erst zum Zeitpunkt der Einahme von Berber zu einem neuen Dschihad aufgerufen (S. 276). Der Titel des Buches in seiner deutschen Übersetzung erscheint mir deswegen als nicht passend, zumal Churchill selber feststellte, dass der Missionar im Sudan unerwünscht ist (S. 435). Nicht Religion war ausschlaggebend für diesen Feldzug, sondern Gründe, die im englischen Empire - seiner Wahrung, seinem Erhalt, seiner zukünftigen Machtsphäre - ihren Ursprung haben. Und darüber hinaus die Erinnerung an Gordon, der über 10 Jahre vorher so tragisch zu Tode kam.
Interessant sind im übrigen auch die Beschreibungen der damaligen Imperialpolitik, vor allem die englisch - französischen Reibungen. Amüsant dabei die Erzählung über die französische Patrouille (8 Mann!), welche meinte einen Teil des Südsudans für sich zu beanspruchen. Angesichts der siegreichen englisch-ägyptischen Armee ein aussichtsloses Unterfangen, welches denn auch unter Einhaltung der Würde aufgegeben wurde.
Alles in Allem habe ich mich sehr über diese Ausgabe gefreut. Sehr gut übersetzt und editiert. Erinnern wir uns, auch Churchill pflegte seine Werke permanent zu ergänzen bzw. zu kürzen. Das vorliegende Buch ist ein hervorragendes Werk über die Geschichte und den Feldzug im Sudan, eine Meisterleistung.
Viel Spaß beim Lesen!