Aus der Krimireihe um den preußischen Hofküchenmeister Langustier habe ich als erstes die Geschichte "Muskatbraun - Zerstreute Gesellschaft" gelesen, die mich nicht wirklich überzeugen konnte. Um sicherzugehen, dass ich beim ersten Mal nicht einfach einen schwächeren Band einer ansonsten guten Serie erwischt hatte, habe ich es mit "Kreideweiß - Letzte Schreie" trotzdem noch einmal versucht - und bin wieder zu demselben Ergebnis gekommen: Historisches Fachwissen allein macht noch keinen guten Krimi. Und wenn es noch so beeindruckend ist.
Tom Wolf hat seine Geschichte nämlich geradezu gespickt mit zahlreichen und detaillierten Informationen über den preußischen Hof unter Friedrich II, die gehobene Gesellschaft und vor allem die Mode des 18. Jahrhunderts mit ihren Korsetts, Poufs, Negliges, Roben, Schleifen und so fort. Man hat das Gefühl, dass der Autor weiß, wovon er spricht und ganz besonders die Geschichte der preußischen Königsfamilie gründlichst studiert hat. Sogar die Ausdrucksweise der Zeit ahmt er gekonnt nach. Und dennoch versagt "Kreideweiß - Letzte Schreie" sowohl als Roman wie als Krimi.
Das wohl größte Problem ist, dass die zahlreichen auftretenden Personen zu oberflächlich bleiben, um tieferes Interesse zu wecken. Nicht einmal die Hauptperson selbst, der Koch und Sonderermittler Langustier, entwickelt wirklich Charakter. All die Couturiers, Putzmacherinnen, Hofdamen und Adligen wirken nicht wie echte Menschen, sondern wie kunstvolle Puppen, die auf einer prächtig dekorierten Bühne herumspazieren und gedrechselte und affektierte Gespräche voller Esprit und neckischer Bonmots führen. Die Ermittlungen zu den Morden scheinen eher nebensächlich zu sein und kommen den größten Teil des Buches über nur sehr schleppend voran, bevor Langustier dank einiger Hinweise plötzlich völlig klar sieht. Nach ein bisschen Druck seitens des Hofküchenmeisters bricht der Mörder dann vor versammeltem Hofe prompt zusammen und gesteht seine Schuld - genau so wie in "Muskatbraun - Zerstreute Gesellschaft", was mir schon damals reichlich unglaubwürdig vorkam.
Kurz zusammengefasst: Das historische und literarische Wissen des Autors beeindruckt zwar, aber in den Charakteren steckt kein Leben und in dem Kriminalfall keine rechte Spannung. Gerade noch drei Sterne.