Nein, das Buch hat nichts mit dem praxisorientierten "creative writing" amerikanischen Ursprungs zu tun. Was ihm fehlt: Eine Praxisanleitung. Gesing ergeht sich in Details und Beschreibungen (z.B. welche klassischen Plotstrukturen es gibt (er findet 20!...), welche "Räume" es gibt etc.). Nach dem Lesen weiß man dann: "Aha, das gibts also". Aber nicht: "Was hilft mir das beim Schreiben?"
Selbst die zahlreichen Checklisten sind nahezu nutzlos: Erstens benutzt er oft leere Begriffe in der Art 'schreiben Sie lebendig'. Man liest doch so ein Buch, um das zu lernen! Zweitens weiß man bei den Schreibanweisungen nie, worauf man achten oder was man daraus lernen soll.
Die Sprache von Gesing geht in Ordnung. Deutsche Texte, zumal mit dem pseudo- oder populärwissenschaftlichen Anstrich wie hier, zeichnen sich eben nicht durch ihre lockere Schreibe aus. Da hat die englische Sprache schlicht Vorteile, vor allem was den Satzbau betrifft. Negativ fällt mir auf, dass er oft Begriffe nutzt, die Vorbildung voraussetzen, nicht zuletzt erzähltheoretische Begriffe wie "erzählte Zeit" und "Erzählzeit" (welche allerdings üblicherweise schon in der Schule benutzt werden).
Ganz besonders negativ fällt mir die Hetze gegen sämtliche non-kommerz Literatur auf. Alles, was von seinen Vorstellungen abweicht, sei "manische Selbstreflexion" oder "Dramaturgie des Tiefschlafes" (Seite32). Sowas hat in so einem Buch nichts zu suchen!
Positiv ist zu bemerken, was bei den englisch-sprachigen Autoren zu kurz kommt: Eine teilweise psychologische, mediensoziologische bzw. kulturelle Sichtweise auf das Verhalten der Leser (warum er etwas mag bzw. ablehnt) und des Autors.
Dennoch: Da sich das Buch als "creative writing"-Grundkurs versteht, versagt es auf ganzer Linie. Es hat schlicht keinen praktischen Nutzen. Sinnvoller ist es, eine der zahlreichen wissenschaftlichen "Einführung in die Erzähltheorie" zu lesen. (Sehr gut lesbar z.B. von Martinez/ Scheffel (C.H. Beck) oder, etwas praktischer auf Analyse bezogen: Wenzel: "Einführung in die Erzähltextanalyse" (WVT)).
Alternativ bleiben noch andere creative-writing Autoren (jenseits von Frey). Besonders zu empfehlen: Steele: "Romane und Kurzgeschichten schreiben".
Die nützlich-unpraktisch-selbstverständliche Essenz von Gesings Buch kann ich an dieser Stelle kostenlos anbieten: Die Klassiker lesen (Marcel-Reich-Ranicki's Literaturkanon) und schreiben, schreiben, schreiben!