Der gläubige Christ Theodosius Dobzhansky, der Darwins Evolutionstheorien zusammen mit Ernst Mayr im vergangenen Jahrhundert entscheidend weiterentwickelt hat, formulierte den berühmten Satz: "Nothing in biology makes sense, except in the light of evolution". Gemeint war damit, dass die Ergebnisse aus Anatomie, Embryologie, Zellbiologie, Genetik, Paläontologie und vergleichender Systematik im Wesentlichen in sich stimmig sind - wenn wir sie unter dem Gesichtspunkt der Evolution betrachten. Jüngst haben auch DNA- und Protein-Sequenanzalysen die Evolutionstheorie in wesentlichen Zügen eindrucksvoll bestätigt. Gehen wir NICHT von einer Evolution aus, sind die Ergebnisse unerklärlich und ergeben keinen zusammenhängenden Sinn mehr.
Intelligent Design.
Kreationisten und Anhänger der Intelligent Design Bewegung argumentieren dagegen an. Deren Argumentation ist, dass beispielsweise die Augen oder das Flagellum bei Bakterien zu komplex seien, als dass sie durch Mutation und Selektion entstanden sein könnten, da Zwischenformen nicht funktionierten. Da die Entstehung komplexer Organe nicht erklärt werden könne, müsse die Evolutionstheorie (Abstammung aller Lebewesen von einzelligen Urorganismen; Weiterentwicklung durch Mutation und Selektion) falsch und deshalb das Intelligent Design Modell richtig sein.
Glauben - oder überprüfen können?
Ulrich Kutschera und Kollegen von der Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie im Verband Deutscher Biologen (Vdbiol) haben in der vorliegenden Monographie eine umfangreiche Dokumentation vorgelegt. Sie begründen, warum Intelligent Design keine Wissenschaft, sondern ein Glaube ist: Das Intelligent Design Modell setzt einen "intelligenten Designer" voraus, der die Evolution zielgerichtet vorantreibt. Mit einer ergebnisoffenen Wissenschaft, die die Natur ergründet, sind dogmatische Glaubenssätze jedoch nicht vereinbar. Das Beispiel der Zusammenarbeit des Christen und Biologen Dobzhansky und des erklärten Atheisten Mayr, die zur "Synthetischen Theorie der biologischen Evolution" führte, zeigt, dass konstruktive Zusammenarbeit möglich ist, wenn Glaubensfragen aus der wissenschaftlichen Arbeit herausgehalten werden.
Argumente zum Um-die-Ohren-schlagen.
Die verschiedenen Beiträge setzen sich mit den Kontroversen mit Kirchen auseinander und analysieren die Diskussionsmethoden von Kreationisten. Die Argumentationslinien werden anhand einer Reihe von Beispielen entkräftigt (jedenfalls aus der Sicht eines Biologen) und der Unterschied zwischen wissenschaftlicher Vorgehensweise und "Glauben" präzisiert. Die beiden Aufsätze von Reinhold Leinfelder und Axel Meyer sind ausgezeichnete Zusammenfassungen der Standpunkte auch für diejenigen, die mit dem Thema nicht so vertraut sind.
Einige der Beiträge haben einen Streitschrift-Charakter und tragen nicht nur zur Versachlichung der Diskussion bei. Schade, bei den vielen guten Argumenten. Wer an der aktuellen Diskussion dranbleiben möchte, findet hier Internetquellen, die den aktuellen Stand der Diskussion fortlaufend dokumentieren.
Wem die Themen Evolution, Abstammung des Menschen oder Wissenschaft und Glaube am Herzen liegen, findet hier einiges an Material. Äußerst wichtig ist das Buch jedoch für alle, die in den Biowissenschaften oder als Bio-Lehrer tätig sind. Sie sollten sich mit dieser Dokumentation ernsthaft vertraut machen.