Man muss nicht zwangsläufig dabei gewesen sein, um sich fundiert mit einer Sache auseinandersetzen zu können. Julian Cope konnte das und lernt heute noch täglich neue Perlen aus den frühen 70ern kennen und schätzen.
Was aber Henning Dedekind hier tut zeugt von einer derartigen Arroganz und damit auch zwangsläufig einer damit verbundenen Ahnungslosigkeit, dass es jeden ernsthaften Kraut nur kopfschüttelnd zurücklässt.
Der Mann hat, wie so viele Infotainement- und Printpressemenschen der heutigen (und teilweise auch damaligen) Zeit offenbar nicht den Unterschied zwischen Kraut und Deutschrock verstanden. In fröhlicher Stern/Spiegel-Manier wird ohne Sinn, Verstand und Rücksicht auf Verluste einfach alles in einen Topf geworfen, was in den 70ern in Deutschland mal Musik gemacht hat. Dedekind ist sogar resistent gegen Aufklärung, die ihm von einem Mitglied der Gruppe Faust nun wirklich deutlich klar gemacht wurde. Also, mein lieber Henning, nochmal zum mitschreiben : Kraut ist ein Stil und hat mit Deutschrock so viel zu tun, wie Udo Lindenberg mit Jazz und Ihre Kinder mit Funk. Ganz unterirdisch wird es, wenn dazu noch deutlich wird, dass der Autor die besprochenen Platten nicht einmal gehört hat. Amon Düüls Made in Germany wird Disco-Musik unterstellt, die aber, wie jeder, der diese Gruppe kennt, erst auf der 2 Jahre und Platten späteren Almost Alive erstmals in Ansätzen zu hören war. Und diese Almost Alive, eine (natürlich unsäglich schlechte) Studioplatte wird von Dedekind als Live-Platte abgefrühstückt. Wichtige Leute, wie der hier schon von jemand erwähnte Klaus Schulze, oder auch Agitation Free werden kaum erwähnt und die wohl stilprägendste Krautgruppe Brainticket ist Dedekind nicht mal eine Zeile Wert.
Dazu kommen die völlig wahllosen Coverabbildungen auf den ersten und letzten Seiten des Buches. Wenn man sich schon ausführlich mit dem Schneeball-Label beschäftigt, was ja recht löblich ist, dann sollte man die Gründerväter dieses Labels, Sparifankal, wenigstens mal im Text erwähnt haben. Deren Plattencover ihrer 2., 3. und 4. Platte zieren den Deckel des Buches, ihre erste von 1976 aber nicht. Sorry, aber wer so vorgeht, der zeigt damit, dass er wirklich nichts verstanden hat. Dedekind, bleib einfach beim Deutschrock mit belanglosem Zeug, wie Novalis, Hölderlin, Jane, Epitaph und ähnlichem Unsinn, aber verschone die Zuspätgeborenen mit Journalistenmüll aus der Phrasendreschmaschine.
Diese Buch ist dermaßen voll mit Unsinn, dass jedes weitere Wort darüber nur verschwendete Zeit ist.