Aus der Amazon.de-Redaktion
Welchen Verlauf nimmt wohl eine Kindheit zwischen einer überkandidelten Mutter, die ihre haus-gestrickten Gedichte unbedingt im "New Yorker" veröffentlicht sehen möchte, und einem alkoholkranken Matheprofessor mit Schuppenflechte, der als Vaterfigur einer emotionalen Tiefkühltruhe gleicht? Richtig. Einen mehr als krassen. Doch für Augusten Burroughs, der ein rabenschwarzes und gallig-komisches Bild seiner Jugend nachzeichnet, sollte alles noch viel krasser kommen. Der schwule Augusten, selbst Opfer dieses Neurosenhaushalts, lebt abgeschottet in Film- und Fernsehbildern, sammelt Glitzerkram und legt einen für einen 12-Jährigen verstörenden Wert auf Akkuratesse in Kleidung und Haartracht. Als der Kampf der Eltern mehr und mehr eskaliert, schiebt Augustens Mutter ihren spröden Spross kurzerhand ab in die "Obhut" ihres Therapeuten Dr. Finch. Gerettet? Mitnichten! Im bizarren Reich des merkwürdigen Seelendoktors und seiner Chaotenfamilie pflegt man Begriffe wie Freiheit und Selbstverwirklichung. Vornehmlich praktiziert wird dies von Poo, dem Küken der Familie, der vor aller Augen seelenruhig auf dem Teppich sein Geschäft verrichtet, oder den halbwüchsigen Töchtern, die Papas Elektroschockgerät gerne sachfremd handhaben. Der penible Augusten erspäht in seinem neuen Heim neben galoppierendem Wahnsinn und Anarchie auch noch galoppie-rende Heerscharen von Kakerlaken, die eigentlichen Herren des Hauses. Doch o Wunder! Inmitten dieser verstörenden Mixtur aus Addams Family, Psycho (tatsächlich haust in einem Dachzimmer eine Patientin des Doc), antiautoritärem Blabla plus Hippiekult, beginnt Augusten sich vom verklemmten Nasskämmer zu einem fühlenden und selbstbewussten Wesen zu entwickeln. Auch in sexueller Hinsicht tritt er, um mit Dr. Finch zu sprechen, in die "phallische Phase" ein. Neil, der 33-jährige schwule Adoptivsohn der Familie kehrt heim und ihm gefällt, was er sieht. (Die explizit geschilderten homosexuellen Praktiken, wie auch der Verdacht der Pädophilie, irritierten zahlreiche amerikanische Leser, denen die skurrilen Jugenderinnerungen hier entschieden zu weit gingen). In schnoddrig leichtem Ton produziert Burroughs Freizügiges, Ekelerregendes, Kontroverses, Beklemmendes und Bekanntes. "Wenn du glaubst, deine eigene Familie sei kaputt", schrieb ein amerikanischer Leser, "lies einfach Burroughs Erinnerungen". Genau, denn hier werden neue, ungeahnte Rekordhöhen erklommen. Ravi Unger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
In 'Krass' erzählt Augusten Burroughs die wahre Geschichte einer Kindheit, seiner eigenen. Als Augustens Mutter den gefühlskalten Vater verlässt, um eine große Dichterin zu werden, nimmt sie ihren Sohn zwar mit, aber der Kunst und ihrer gefährdeten Seelenruhe zuliebe schiebt sie ihn bald in die Obhut ihres Therapeuten ab. Dr. Finch ist nicht nur ein sehr unkonventioneller Psychologe, auch die neue Familie in der heruntergekommenen Villa hat es in sich. Jede Woche veranstaltet der Doktor Demonstrationen auf den Straßen der Stadt, gefolgt von seinen zahlreichen Kindern und Mündeln.
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