Gerd Overbecks These vom kreativen Gehalt der Krankheit scheint mir besonders nachdenkenswert, auch wenn sie beispielsweise auf den Bergmann mit Staublunge nicht recht zutreffen will. Der Autor schreibt: "Die Erfahrung zeigt, dass viele Beschwerden ihre Intensität und Bedeutung für den Kranken verlieren, wenn sie nicht mehr die einzigen Ausdrucksmittel einer Lebenskrise bleiben" (Seite 159). Einen breiten Raum nimmt in diesem Kontext die Diskussion um Schulmedizin versus Psychosomatik ein, und so gibt dieses Buch recht anschaulich wieder, wie vehement die Auseinandersetzung noch bis in die Achtzigerjahre hinein geführt wurde.
"Krankheit als Anpassung" erfüllt die wichtige Aufgabe, Erkenntnisse über Entstehung und Fortgang von Erkrankungen kontextuell zu betrachten und aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm zu tragen. Overbeck gelingt in ganz vorbildlicher Weise, an Bekanntes anzuknüpfen und auch dort für Laien nachvollziehbar zu formulieren, wo sich seine komplexen Schilderungen auf sehr hohem intellektuellen Niveau bewegen und nicht ohne Abstraktion auskommen können. In seiner Veröffentlichung spiegelt sich eine äußerst strukturierte Arbeitsweise, die bestens zur Verständlichkeit seiner Schlussfolgerungen beiträgt. Allen, die aus persönlichen und/oder beruflichen Gründen intensiv mit dem Themenfeld Gesundheit und Krankheit befasst sind, sei dieses Buch - gebraucht noch mühelos erhältliche - dringend empfohlen.