Ein Buch wie eine geballte Faust, die sich aus Vermauertem, Zugebautem herausschlägt und dabei doch ganz sanft, menschlich und vorsichtig aber beharrlich und nie zögernd freikämpft. Wir dürfen eintauchen in die Nebenwelt von Adina, die mit ihrem Bruder auf einem Berg von angehäuftem Müll der Mutter lebt, die sich nicht loszulassen traut. Mit viel Verständnis und Mitgefühl werden diese Personen mit ihren Problemen ganz lebensnah und fast persönlich beschrieben, nie wird dabei anklagend oder schuldzuweisend vorgegangen, immer klingt ein tiefes Verständnis mit. Hier werden Menschen beschrieben, die fehlbar sein dürfen, ja müssen, damit sie lebensecht bleiben.
Brauns, der einmal mehr sein grosses Talent für poetisches Beschreiben beweist, schafft es wieder, einfühlsam und dennoch packend eine Geschichte zu erzählen, die wohl niemanden kalt lassen wird, der sich auf diese Welt einlässt.
Zugegeben, am Anfang ist das Zurechtfinden etwas schwer, all diese farbigen und schillernd neuen Adjektive, mit der Adina ihre Welt erlebt, ein Versuch, die abstruse implizierte Vorstellungen der Mutter mit den eigenen Eindrücken zu verbinden. Eingemüllt in ein Zuhause, dass auf jeden Fall vor den überneugierigen Klopfern geschützt werden muss, verteidigt Adina diese schamhaft verborgene Welt, bis sie die Kraniche entdeckt, welche mehr und mehr in diese Welt einbrechen und sie erhellen. Es ist schön, Adina in diesem Aufbegehren und in den Schritten zur Freiheit erleben zu dürfen, ihren Mut, auf ein Draussen zuzugehen, vor dem ihre Mutter sie immer gewarnt hat. Es kostet viel, diese Befreiung, welche aber ohne Verluste hier leider nicht möglich ist.
Wieder frage ich mich mit grosser Verblüffung, wie Braun es geschafft hat, in einer starken, poetischen Sprache eine Geschichte zu präsentieren, die so viel Menschlichkeit, Mitgefühl und Poesie transportiert und uns teilhaben lässt an Randwelten, die sonst im lauten Geschehen unseres Alltags unbemerkt bleiben.
Ich schliesse die Augen und sehe es vor mir, wie „lavarote Kraniche über dem Duvenstedter Brook ihre Kreise ziehen“.
Unbedingt lesen!