"Im Westen liegt Frankreich, im Osten wird der Frank reich".
(Zeitgenössischer Spruch)
Nach einer kurzen Einleitung beginnt der Kriminaldirektor a. D. ("
Auf dem rechten Auge blind: Die braunen Wurzeln des BKA" und "
Der Chef. Horst Herold und das BKA." und seit 1990 als freier Publizist tätige Dieter Schenk sein elftes Buch mit einem Kapitel über die Geschichte des Krakauer Wawel. Als trockene Anhöhe inmitten eines Sumpfgebietes diente der Kalkhügel seit dem 9. Jahrhundert als Herrschersitz des slawischen Stammes der Wislanen. Im 10. und 11. Jahrhundert wurden eine Burg, Kathedrale und weitere Kirchen errichtet. Nachdem Fürst Kasimir den Wawel zum ständigen Herrschersitz der Piasten gemacht hatte, wurde die Stadt Krakau am Fuße des Hügels unter Boleslaw II. zur Hauptstadt des Königreiches Polen. In den nächsten Jahrhunderten sollte die an der Wechsel gelegene Anlage aus Königsschloss und Kathedrale zur Grabstätte von 30 polnischen Königen und Königinnen, Bischöfen und Staatsmännern werden. Krakau blieb zwar bis 1795 noch die offizielle Hauptstadt Polens, hatte den tatsächlichen Status jedoch nach dem Umzug König Sigismund III. Wasa allmählich an Warschau verloren. Nach der dritten polnischen Teilung wurde Krakau eine österreichische Garnisonstadt mit er gewaltigen Festungsanlage. 123 Jahre danach, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, begann der wieder erstandene polnische Staat mit der Renovierung und dem Ausbau seines einstigen politischen und intellektuellen Zentrums.....
....bis Polen nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum "Hitler-Stalin-Pakt", dem deutschen Überfall am 1. und dem sowjetischen Einmarsch am 17. September 1939 zum vierten Mal geteilt werden sollte.
Thematischer Schwerpunkt des Buches ist "Der Wawel unter dem Hakenkreuz", dem der Autor als renommierter Kenner des NS-Beatzungsterrors in Polen ("
Hans Frank: Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur" und "
Der Lemberger Professorenmord: und der Holocaust in Ostgalizien") sechs Kapitel gewidmet hat. Anders als die polnischen Gebiete, die dem NS-Reich eingegliedert wurden, blieb Krakau zusammen mit einem 95.000 qkm großen, 1942 um Galizien auf 142.000 km² erweiterten Gebiet eine militärischen Besatzungszone. Im Rahmen des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages vom 26. Oktober 1939 als "Generalgouvernement" errichtet, wurde sie dem damals höchsten Juristen und Reichsminister ohne Geschäftsbereich des NS-Staates, Hans Michael Frank (1900 - 1946), unterstellt. Dieser bezeichnete seinen "Herrschaftsbereich" als "Nebenland des Reiches". Am 7. November 1939 zog Frank nach einem "Minutenprogramm" (Seite 54) in die Königsburg von Krakau ein, die bis zum 17. Januar 1945 sein "Amts- und Herrschersitz" bleiben sollte. Der "Generalgoverneur" wollte den Wawel zu "einer Insel der Kultur und der feinen Bildung, in mitten der slawischen Babarenwelt" machen. Seine prunksüchtige und selbstgefällige "Hofhaltung" in der mittelalterlichen polnischen Königsburg hatten ihn schon bald zum Gespött seiner Nazi-Kumpanen gemacht, die ihn als "König von Polen" oder "König Stanislaus" bezeichnten.
Der kunstgeschichtlich interessierte, italophile Hans Frank und seine Ehefrau bedienten sich hemmungslos an Kunstwerken und anderen Reichtümern ihrer persönlichen "Kolonie" mit denen sie vor allem ihre Bankkonten nährten. Der Herrscher des "GG" oder "Gaunergaues", wie das Generalgouverbnement auch genannt wurde, sah sich selbst zwar gerne als "Der polnische Orpheus". Tatsächlich vereinte sein Charakter jedoch Grausamkeit, Zynismus und Menschenverachtung, die ihn - ähnlich wie Heydrich - zur Verkörperung eines Massenmörders werden ließen, der "nach Feierabend" zur gepflegten Hausmusik aufspielte. Der nach seiner Gefangennahme am 4. Mai 1945 und zwei Suizidversuchen zum Katholizismus Rekonvertierte war der einzige hochrangige Nazi, der im Nürnberger Prozess ein Schuldbekenntnis ("Tausend Jahre werden vergehen und diese Schuld von Deutschland nicht wegnehmen") ablegte, dies jedoch später widerrief. Das Todeurteil gegen ihn wurde am 16. Oktober 1946 durch den Strang vollstreckt.
Mit seinem Buch ist Dieter Schenk eine akribische Dokumentation der Geschichte des "Generalgouvernements" und seines Herrschers gelungen, die von Rassenwahn und Völkermord geprägt war und den Wawel zu einer Zentrale der NS-Verbrechen werden ließ. Eine große Zahl beeindruckender und rarer Schwarzweissaufnahmen sorgt für eine nachhaltige Visualisierung der damaligen Ereignisse. Nach einem kurzen Kapitel über die Geschichte des Wawel nach dem Zweiten Weltkrieg schließt ein 16seitiger Anhang mit nummerierten Anmerkungen, einem Literatur- und Quellenverzeichnis, Abkürzungen, Abbildungsverzeichnis und Personenregister ein beachtenswertes Zeitdokument deutscher, polnischer und europäischer Geschichte ab.
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