Zumindest in den USA ist Gary Kraftsow der bekannteste Vertreter des Viniyoga und auch auf dem Gebiet der Yoga-Therapie mit führend. Ein "weltberühmter Lehrer", wie der Verlag auf dem Backcover schreibt, ist Kraftsow zwar (noch) nicht, doch nach dreißig Jahren des Unterrichtens in der Tradition des Viniyoga ist er gewiss kompetent, wenn es um "Häufige Schmerzen", "Chronische Krankheiten" und "Emotionale Gesundheit" geht. Dies sind zugleich die Kapitelüberschriften im zweiten Teil des Buches.
Dies hier ist die deutsche Ausgabe von Kraftsows erstem Buch, das 1999 unter dem Titel "Yoga for Wellness: Healing with the Timeless Teachings of Viniyoga" bei Pinguin Books erschien. Es vereint in sich die typischen Stärken und Schwächen vieler Erstveröffentlichungen: Einerseits enthält es viel Enthusiasmus und eine Fülle an Ideen und Konzepten sowie Fotos, andererseits hat es von allem zu viel und die (meisten) LeserInnen werden überfordert.
Nach einem informativen Vorwort von Uwe Bräutigam und einem zweiten Vorwort von Dr. Scott Gerson, das von mehreren gravierenden Irrtümern und Unkenntnis der indischen Früh-Geschichte geprägt ist, beginnt der erste Teil des Buches mit einem entwicklungsorientierten Ansatz. Darin wird u.a. die Asana-Praxis als ein Versuchsfeld beschrieben, "auf dem wir Erfahrung sammeln, lernen und wachsen".
Darüber hinaus geht es um die "Kunst und die Wissenschaft der richtigen Reihenfolge", etwas, das für den Viniyoga (wo der Yoga dem Individuum angepasst wird und nicht das Individuum sich dem vorgegebenen Yogaschema anpassen muss) charakteristisch ist. Bereits diese Abschnitte werden mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos illustriert, mitunter sind bis zu vierunddreißig Haltungen auf einer Seite vereint.
Näher beschrieben werden im weiteren Verlauf des Buches rund 150 âsanas, ebenso üppig fällt die Anzahl der Fotos aus: Insgesamt sind es sind mehr als eintausend Schwarz-Weiß-Aufnahmen.
Die âsanas werden innerhalb der Klassifizierungs-Gruppen wie Vorbeugen und Drehhaltungen stets kurz angeleitet. Jeweils vorangestellt ist der Hinweis auf den Schwerpunkt, anschließend wird die Anzahl der Wiederholungen angegeben sowie weitere Hinweise gegeben. Zudem gibt es hilfreiche Ausführungen zu primären und sekundären Zielsetzungen und gegenübergestellte Falsch-Richtig-Fotos, wobei die Fehlhaltung stets konkret benannt wird, beispielsweise als "Ausweichmechanismus 4: Starke Wölbung der Halswirbelsäule".
Wer als Therapeut mit Asanas oder wer als Yogalehrer auch therapeutisch arbeitet, wird in diesem zweiten Kapitel eine Vielzahl an Hinweisen und Anregungen bekommen. Yoga-AnfängerInnen hingegen - und auch >normale< Yogapraktizierende - dürften von der Fülle der Haltungen, den "Sinnvollen Adaptionen" zu diesen Haltungen und den vielen kurzgefassten und aneinander gereihten Anleitungen überfordert sein.
Noch gravierender wird dies im zweiten Teil des Buches deutlich, wo viele konkrete Beispiele aus dem Bereich der Yoga-Therapie dargestellt werden, die "zwangsläufig eher anschaulicher als verbindlicher Natur" sind, wie Kraftsow im ersten Kapitel schreibt, wo es um die Prinzipien der Praxis geht. Die angeführten Beispiele sind deshalb eher zum Anschauen, weil sie alle einer weitergehenden Anpassung bedürfen, wie Kraftsow weiter ausführt.
"Kraftquelle Yoga" ist also insofern ein Praxisbuch, weil detailliert aus der Praxis berichtet wird. Vor dem Praktizieren und dem Übertragen der Übungen auf die eigene Situation wird jedoch gewarnt. Es ist ein Buch voller Rezepte, aber es sollte nicht wie ein Kochbuch gelesen werden, wie Uwe Bräutigam im Vorwort schreibt.
"Kraftquelle Yoga" gibt Einblick in die Vorgehensweise eines akademisch geschulten Vini-Yoga-Therapeuten, doch trotz seines Umfangs und seiner detaillierten Erörterungen qualifiziert es die Leser nicht zur Selbsttherapie.
Im Vergleich zu dem 2004 im gleichen Verlag erschienenen Buch "Yoga Therapie" von A.G. Mohan ist "Kraftquelle Yoga" von Gary Kraftsow zwar doppelt so groß(formatig) und mit 1,6 kg auch mehr als doppelt so schwer, doch größer oder gewichtiger hinsichtlich der Substanz ist es nicht.
Erfreulicherweise räumt "Kraftquelle Yoga" mit dem Vorurteil auf, dass Viniyoga primär ein sanfter, anspruchsloser Kuschelyoga ist, bei dem höchstens die Schulterbrücke oder das Heben und Senken der Arme gefordert wird. Dies ist, neben der ebenso fundierten wie überbordenden Darstellung der Prinzipien des Viniyoga das Verdienst Gary Kraftsows - Verdienst im Sinne der Tat zum Wohl anderer.