Als ich Karel Zemans Film "Krabat" (1977) zum ersten Mal im Fernsehen sah, werde ich kaum über zehn Jahre alt gewesen sein und hatte danach nächtelang Alpträume, in denen der "Meister" mit seinem gespaltenen Schädel sein grausiges Unwesen trieb. So sehr hatten mich Zemans Animationskunst mit ihren festumrissenen, klaren Bildern, die gleichwohl eine verwunschene, zauberhafte Atmosphäre erschafft, und die unheimliche Geschichte des kleinen Waisenjungen Krabat, der in der Mühle am Schwarzen Wasser die dunkle Macht der Magie erlernt, in ihren Bann geschlagen. Ein paar Jahre später dann wurde der Film erneut gezeigt, und beinahe dreißig Jahre lang lebten die Bilder nur raunend in meiner Erinnerung. Damals, vor dem Siegeszug von VHS, mußte man doch t a t s ä c h l i c h warten, bis ein Film mal wieder im Fernsehen gezeigt wurde.
So war ich denn über alle Maßen erfreut, als ich beim Stöbern in der Abteilung für Kinderfilme unter dem Buchstaben K - ich wollte für meinen Nachwuchs eigentlich eine DVD vom Kleinen Roten Traktor kaufen - auf dieses Meisterwerk stieß.
Ganz kurz zur Geschichte, die sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in der Lausitz abspielt: Der Waisenjunge Krabat wird von einem in die Gestalt eines Raben geschlüpften Magier in die Mühle am Schwarzen Wasser gelockt, wo er nach und nach in die Geheimnisse der schwarzen Magie Einblick erhält. Einmal im Jahr jedoch fordert der Meister, eben jener Magier, den am weitesten in der Magie bewanderten seiner 11 Gesellen zu einem Kampf auf Leben und Tod heraus, den er wegen seiner Hinterlist gewinnt. Krabat möchte dem finsteren Regiment des Meisters entfliehen, zumal er sich inzwischen auch in ein Mädchen, die Kantorka, verliebt hat, doch damit er der Macht des Meisters entkommen kann, muß die Kantorka einen gefährlichen Liebesbeweis antreten.
Mit seiner charakteristischen holzschnittartigen Animationstechnik gelingt es Zeman vortrefflich, Preußlers Roman "Krabat" visuell umzusetzen, wenn er auch notgedrungen einige Ereignisse im Buch vereinfacht bzw. völlig wegläßt.* Andererseits weiß er auch, eigene Akzente zu setzen: So läßt er die Hofschranzen auf einem Ball des Kurfürsten von Sachsen sich mehrfach vor einem leeren Thron verneigen, der sich jeweils respektheischend in ihre Richtung dreht - eine obligate Kritik feudaler Macht oder etwa ein subversiver Seitenhieb gegen den real existierenden Sozialismus? Dies nur am Rande.
"Krabat" ist einfach ein ungeheuerlich machtvoller Film, dessen Bildgewalt es locker mit den computeranimierten Pixarfilmen unserer Tage aufnehmen kann und auf jeden Fall einen tieferen Eindruck als diese hinterlassen wird. Im Grunde ist es schon lächerlich, hier auch nur einen Vergleich anzudeuten.
Der einzige Kritikpunkt, den ich anzubringen habe, betrifft nicht den Film selbst, sondern die FSK-Freigabe: Einem sechsjährigen Kind diesen Film zu zeigen, hielte ich wegen der doch sehr bedrohlichen Atmosphäre für pädagogisch unverantwortlich, obwohl ich seinerzeit die Alpträume, glaube ich, sehr genossen habe - jedenfalls am nächsten Morgen.
* So verlagert er beispielsweise die Erzählperspektive von der dritten in die erste Person.