1971 veröffentlichte der deutsche Kinder- und Jugendbuchautor Otfried Preußler seinen Roman "Krabat". Das folkloristische Märchen erzählt eine sorbische Sage vor dem Hintergrund des Nordischen Krieges. (Im Film 30-jähriger Krieg)
Kurz zur Handlung:
Der 14-jährige Krabat verliert seine Mutter an die Pest und zieht fortan mit zwei Freunden bettelnd durch das winterliche vom 30-jährigen Krieg verwüstete Land. Eines Nachts im Traum vernimmt er eine Stimme, die ihn lockt, er solle in die Mühle zum Koselbruch kommen. Es würde ihm da nicht schlecht ergehen. Dem Ruf folgend, gelangt er zu der mysteriösen einsam gelegenen Mühle, deren Meister ihn bereits erwartet und als Lehrling verpflichten will. Krabat schlägt ein, muss aber bald feststellen, dass die anderen Lehrlinge ein rauer Haufen sind und ihn nicht gerade herzlich willkommen heißen. Vorerst findet er nur in Tonda dem Altgesellen einen Freund. Er beobachtet seltsame Dinge, die des Nachts vor sich gehen und muss erkennen, dass die Burschen nicht nur das Müllerhandwerk erlernen, sondern auch ein anderes Handwerk: Das der Schwarzen Magie.
Durch seinen Fleiß erkämpft sich Krabat das Wohlwollen des Müllers und wird endgültig in den Kreis der Mühle aufgenommen - auch als neuer Schüler der dunklen Zauberei. Sie verleiht ungeahnte Kräfte. Zunächst genießt er die neugewonnene Macht und die aufkeimenden Gefühle zur jungen Kantorka. Doch dann offenbart Tonda ihm das eigentliche Geheimnis der Mühle. Jedes Jahr opfert der Müller einen der Lehrlinge, um sein eigenes Leben zu verlängern. Bei Winterneumond bringt Gevatter Tod Gebeine, die unter ohrenbetäubendem Lärm von riesigen Mühlrädern zermahlen werden....
Die Umsetzung der Vorlage:
Der Romanautor selbst, soll mit der Verfilmung zufrieden sein. Also ich persönlich bin nicht nicht wirklich zufrieden. Ich finde den Film zwar nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gelungen. Ich bin erst mal froh, dass meine Erwartungen einer stark actionlastigen Verfilmung nicht eingetroffen sind, der Film meist ein ruhiges Erzähltempo vorlegt und eine Erzählstruktur besitzt, die der literarischen Vorlage angemessen ist. Die allgegenwärtige gruselige Bedrohlichkeit wird zum Glück nicht "monstermäßig" überbetont sondern bleibt auch im Film einigermaßen subtil. Ein Kinderfilm ist "Krabat" allerdings nicht geworden. Regisseur Marco Kreuzpaintner hat schon ein ausgesprochen düsteres Drama geschaffen.
Die drei Lehrjahre Krabats wurde auf zwei gestrafft. Und manche Stränge wurde herausgekürzt, was ich nicht schlimm finde. Der Komplexität eines Buches kann man in zwei Stunden Filmzeit sowieso nicht gerecht werden und Kürzungen sind da wie immer unvermeidlich. Ich erwarte auch gar nicht, dass das Buch 1.1 umgesetzt wird. Im Gegenteil. Der Film soll schließlich unabhängig sein. Deshalb möchte ich mich auch gar nicht weiter damit aufhalten, die weiteren kleinen Änderungen aufzuzählen, was unsinnig wäre.
Diese Punkte haben mich aber sehr gestört:
1.An entscheidenden Stellen hätten der Inszenierung ein paar Schaufeln voll Mut gut getan. Mut sich FILMISCH auszudrücken und nicht nur ein Buch nachzuerzählen.
2. Die einzelnen Charaktere der Burschengemeinschaft kommen viel zu kurz, es wird wenig auf die Beziehungen untereinander eingegangen. Ebenso bleibt die Schule der schwarzen Magie und was alles dahinter steckt, etwas auf der Strecke. Der Alltag ging leider flöten. Stattdessen gibt es zehn hintereinander geschnittene Höhepunkte.
3. Der Film lässt dem Zuschauer gar keine Interpretationsmöglichkeiten! Die Geschichte "Krabat" von Preußler steckt voller starker Motive und behandelt Themen, die weit über die Kinderliteratur hinausreichen: Themen wie Macht, Gehorsam, Freiheit, Loyalität und der Kampf des Individuums. Aber auch Mord, Liebe, Freundschaft, und märchenhaftes Inhalte, wie schwarze Magie und der Pakt mit dem Tod. Dies alles geht Hand in Hand und übt einen unheimlichen Sog aus. Diese Themen werden im Buch ohne extra Wegweiser vermittelt.
Der Regisseur konnte es sich hier leider nicht verkneifen den Zuschauer immer wieder führend (gängelnd) an die Hand zu nehmen und mit den Botschaften zu winken, damit auch ja jeder alles verstanden hat. :-(
Ich finde es ärgerlich, wenn man doch eine kraftvolle Bildsprache verwenden kann, recht fähige Schauspieler an der Hand hat und eine solche geniale Vorlage, dann kann man auch dem Zuschauer eigentlich vertrauen, dass der sich auch gerne ein wenig Arbeit macht und die Bilder selbst decodiert. So schlau sind nämlich auch ganz junge Leute! Und das ist doch auch das halbe Vergnügen beim Filmegucken.
Trotzdem finde ich den Einsatz einer unterstützenden Erzählerstimme aus dem Off wohltuend und teilweise gelungen. Nur... ich möchte in einem Film nicht erzählt bekommen, das Krabat gerade Angst hat, verwundert oder bezaubert ist, sich verliebt oder verzweifelt ist. Ich will es sehen! Und am Ende eines Filmes will ich auch keine plattitüdenhaften Weisheiten hören, welche die Botschaft des Filmes zusammenfassen. Menno!
4. Vor allem vermisse ich "die Seele" von Preusslers Krabat.
Ich weiß, ich bin eine mäkelige "das-Buch-ist-besser-Tante". Es gibt aber etliche Buchverfilmungen, die es schaffen unabhängig zu sein und trotzdem den GEIST der literarischen Vorlage in den Film rüberzuretten. Da finde ich die tschechische
Zeichentrickversion aus den 70ern viel gelungener! Dieser Krabat ist ein Juwel und hat wahrlich Seele!
Der Look:
Die Mühle inmitten des kühlen Panoramas wirkt morbide und dreckig. Kein Hauch des märchenhaften Charmes eines Hogwarts - hier herrscht Dunkelheit. So soll es auch sein. Ungewaschene Leiber, von Arbeit und Entbehrung gezeichnete Gesichter, die alle Kindlichkeit verloren haben. Das vorzeitige Altern ist auch ein Prozess, den der Pakt mit dem Meister und die schwarze Magie mit sich bringt. Ein Lehrjahr sind drei.
Die dunkle Optik in dem Film ist schlicht brillant! Und lies mich manchmal unwillkürlich an Tim Burton denken. Leider fehlt dessen augenzwinkernde Schräge. Im rhythmischen Wechsel erleben wir düstere graue Winter, wo solidarisch meine Zähne mitklapperten und kurze, halbwegs sorgenfreie Sommer, die Lichtblicke setzen.
Wirklich wunderschöne Landschaftsaufnahmen aus Transsilvanien und dem Schwarzwald.
Action und Tricks:
Die Verwandlung der Lehrlinge in Raben, ist ausgesprochen plastisch. Und auch die anderen magischen Elemente werden gut rübergebracht ohne übertrieben zu sein.
In der Szene, in der im Dorf die plündernden Soldaten vertrieben werden, besteht aus einer Abfolge von schnellen Schnitten, eigentlich wurde die Bildfolge ZERschnitten, und lässt dem Auge keine Chance dem Stock-Kampf der Zauberlehrlinge zu folgen. Grelles Herbstlicht beleuchtet die Szenerie: Verstörend. Ich schwanke etwas: Ist dies ein krampfhaftes Anbiedern an den jugendlichen Zuschauer, der ohne Action nicht mehr klar kommt? Oder ist die Szene passend..... Im Buch gibt es sie nicht und es ist schon interessant, warum eine Kampfszene hier hin soll. Von der verschwommen zerschnittenen Optik fand ich sie aber eigentlich ganz gelungen. Und vielleicht sind solche Abweichungen auch sinnvoll, da sie den Film unabhängiger machen.
Die Auswahl der Musik:
Die Musik hat mich jetzt nicht gerade umgehauen. (Um nicht zu sagen genervt.) Teilweise klang sie ganz nett aber sie ließ echt nie Mittelalterfeeling aufkommen. Jubelnde Filmusikgeigen begleiten das Glücksgefühl Krabats, als er die Bewährung bestanden hat. Geht`s noch?
Nicht mal zum Osterfest gibt es echten Gesang, dabei hätte sich das da besonders angeboten. Kantorka heißt schließlich "die Vorsängerin".
Aber wenn zum Abspann dann ein Song in bester Dorfdiscomanier eingespielt wird - ja dann ist Schluss mit lustig und fassungslos vor so viel Geschmacklosigkeit verließ ich zu flotten Discobeats den Kinosaal. *wörgs*
Die Schauspieler:
*Christian Redl verbreitet als grausamer Meister der Mühle wahrlich eisigen Schrecken.
*David Kross macht als Krabat sein Sache eigentlich auch ganz gut und sieht ja recht hübsch aus. Aber leider vermittelt sein Gesicht selten die nötigen Emotionen: Angst, Entschlossenheit, Verletzlichkeit, Wut oder das einfach mal ehrliches Staunen über all das Unglaubliche, dass ihm in der Mühle widerfährt! Deswegen muss Otto Sanders Erzählerstimme immer wieder erklären, was gerade in ihm vorgeht. Der fusselige Schnurrbart, der wohl das Altern deutlich machen sollte, finde ich übrigens einfach lächerlich. Dauernd zuckte meine Hand, da ich ihn am liebsten weggerupft hätte! Kross hat aber in anderen Rollen, gerade auch in "Der Vorleser" gezeigt, dass er auch viel intensiver spielen kann!
*Daniel Brühl überzeugt als Tonda auf ganzer Linie. Es heißt, dass seine Anwesenheit beim Dreh wichtig war, als der älteste und schauspielerfahrenste im Burschenteam.
*Robert Stadlober ist wie gewohnt klasse, hat aber als Lyschko viel zu wenig zu spielen, was der Figur leider nicht so gut tut. Schade, er sah auch klasse aus als Lyschko, von ihm hätte ich gern mehr gesehen, nicht aber, wie hier am Ende, seine Wandlung zu Mamas Liebling.
Lesen Sie weiter... ›