Dieses trotz seiner 460 Seiten äußerst kurzweilige Buch fängt damit an, dass Frauen in der Redaktion der 'Tageszeitung'(taz) Erich Rathfelder 1987 damit beauftragen,in den Kosovo zu fahren, da gerade Tausende serbischer Frauen gegen die 'Vergewaltigung durch Albaner' demonstriert haben. Die 'erste feministische Bewegung im Kosovo'stellt sich jedoch als grobschlächtige, bewaffnete Männer mit Bierbauch und offenem Hemd heraus (Details siehe Buch).
Erich Rathfelder lebt seit 1992 als freier Journalist in Sarajevo und Split, vorher war er der Osteuroparedakteur der Tageszeitung. Unter dem Zwang der Verhältnisse wurde er zwischen 1991 und 2001 zum Kriegskorrespondent, der die Akteure aller Seiten genau kennengelernt hat, von Ibrahim Rugova, Adem Demaci, Bujar Bukoshi und Hashim Taci über die 'Statthalter' der UN und EU und Generäle der Nato bis zu Vuk Draskovic, Seselj, Karadzic und Milosevics nationalen 'Sozialisten'.
Hier beschreibt er die Geschichte von Kosova und die Periode seit dem Ende von Titos Vielvölkerstaat Jugoslawien bis heute. Im Gegensatz zu den Bürgerbewegungen des Ostblocks erlebte Serbien (und damit Kosovo) nach 1989 einen roll-back des Nationalismus (wie er heute in Ungarn zu beobachten ist).
Am Anfang interessierte niemanden das kleine Land, dann wurden angebliche 'albanische Verbrechen' von Milosevic für die eigene Karriere und zur Ausschaltung besser qualifizierter serbischer Politiker missbraucht, um schließlich den Anlass zur ersten militärischen Intervention der Nato seit 1945 zu geben.
Da die Geschichte des Kosovo ohne die Auflösung des 'zweiten' Jugoslawiens nicht verständlich ist, liefert der Verfasser eine Menge beeindruckender Informationen über historische Prozesse, die alle früheren jugosl.
Republiken einbeziehen. Schon in seinem Buch 'Sarajevo und danach' war es ihm gelungen, die von außen nur schwer durchschaubare Lage während der Kriege in Kroatien und Bosnien, die dem Kosovo-Einmarsch der Serben vorausgingen, auch Laien wie mir klarzumachen. Dieses Buch ist noch besser, weil umfassender. Es ist mit der Ruhe eines Beobachters verfasst,in dessen Nähe keine Granaten mehr explodieren (dafür liegengebliebene Minen!).
Der klare Sprachstil, die anschaulichen Berichte über Begegnungen mit Menschen in Krisenzeiten - entlassene Bergarbeiter, nach Nordeuropa flüchtende Studenten - erleichtern die Lektüre. Der Verfasser befragt alle Akteure unterschiedslos nach ihren Motiven, übergeht nicht die Schattenseiten und Tragödien, z.B. vertriebene junge Männer aus albanischen Dörfern, die mittellos in Deutschland, Österreich und der Schweiz ankommen und in Drogen und Prostitution abdriften - oder Randerscheinungen wie die des Milan Babic, der bei der Auslösung der Balkankriege in Kroatien eine dubiose Rolle spielte.