Aus der Amazon.de-Redaktion
Dies dürfte sich jedoch schnell ändern, denn mit Hans Magnus Enzensberger hat sich ein bekannter zeitgenössischer Bewunderer Alexander von Humboldts für eine Wiederentdeckung von Person und Werk stark gemacht, der für diesen Plan namhafte Mitstreiter aus Politik und Wissenschaft gewinnen konnte. Eine Lichtgestalt wie der jüngere der beiden Humboldt Brüder, so hofft man, könnte auch der zunehmend verbissenen Debatte um den bedauernswerten Zustand der deutschen Bildung zwischen Pisa und Bologna eine positive Orientierung geben.
Ein wenig von der Begeisterung seines damaligen Berliner Publikums können heutige Leser nun nachvollziehen, wenn sie in jenem Werk auf Entdeckungsreise gehen, das aus den Vorlesungen Humboldts entstand: der Kosmos, laut Untertitel der "Entwurf einer physischen Weltbeschreibung". Was damit gemeint war, hat Humboldt folgendermaßen beschrieben: "Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt in einem Werke darzustellen, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt." Auf nahezu tausend Seiten entfaltet der Kosmos ein überwältigendes Panorama des verfügbaren Wissens, ein wahrlich erschöpfendes Magazin wissenschaftlicher Weltbeschreibung, das bei aller Empirie jedoch geradezu verführerisch unterhaltsam, eben 'ergötzend' bleibt. Heute wäre Humboldt sicher ein Star der Wissenschaftsbelletristik wie Hawkins, Gould oder Pinker, und sein Werk lebt vor allem vom jugendlichen Enthusiasmus des romantischen Eroberers fremder Welten, der den deutschen Alexander mit seinem antiken Vorbild verbindet. Humboldts Kosmos lohnt auch heute eine Entdeckung und verdient viele neugierige, wagemutige und wissensdurstige Leser, die bereit sind, sich von der Begeisterung des Autoren anstecken zu lassen. --Peter Schneck
Kurzbeschreibung
Auszug aus Kosmos von Alexander von Humboldt, Heinrich Berghaus, Ottmar Ette, Oliver Lubrich. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
ein Werk, dessen Bild in unbestimmten Umrissen mir fast ein halbes Jahrhundert
lang vor der Seele schwebte. In manchen Stimmungen habe ich dieses Werk für
unausführbar gehalten: und bin, wenn ich es aufgegeben, wieder, vielleicht
unvorsichtig, zu demselben zurückgekehrt. Ich widme es meinen Zeitgenossen mit
der Schüchternheit, die ein gerechtes Mißtrauen in das Maaß meiner Kräfte mir
einflößen muß. Ich suche zu vergessen, daß lange erwartete Schriften gewöhnlich
sich minderer Nachsicht zu erfreuen haben.
Wenn durch äußere Lebensverhältnisse und durch einen unwiderstehlichen Drang
nach verschiedenartigem Wissen ich veranlaßt worden bin mich mehrere Jahre und
scheinbar ausschließlich mit einzelnen Disciplinen: mit beschreibender Botanik,
mit Geognosie, Chemie, astronomischen Ortsbestimmungen und Erdmagnetismus als
Vorbereitung zu einer großen Reise-Expedition zu beschäftigen; so war doch immer
der eigentliche Zweck des Erlernens ein höherer. Was mir den Hauptantrieb
gewährte, war das Bestreben die Erscheinungen der körperlichen Dinge in ihrem
allgemeinen Zusammenhange, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes und
belebtes Ganze aufzufassen. Ich war durch den Umgang mit hochbegabten Männern
früh zu der Einsicht gelangt, daß ohne den ernsten Hang nach der Kenntniß des
Einzelnen alle große und allgemeine Weltanschauung nur ein Luftgebilde sein
könne. Es sind aber die Einzelheiten im Naturwissen ihrem inneren Wesen nach
fähig wie durch eine aneignende Kraft sich gegenseitig zu befruchten. Die
beschreibende Botanik, nicht mehr in den engen Kreis der Bestimmung von
Geschlechtern und Arten festgebannt, führt den Beobachter, welcher ferne Länder
und hohe Gebirge durchwandert, zu der Lehre von der geographischen Vertheilung
der Pflanzen über den Erdboden nach Maaßgabe der Entfernung vom Aequator und der
senkrechten Erhöhung des Standortes. Um nun wiederum die verwickelten Ursachen
dieser Vertheilung aufzuklären, müssen die Gesetze der
Temperatur-Verschiedenheit der Klimate wie der meteorologischen Processe im
Luftkreise erspähet werden. So führt den wißbegierigen Beobachter jede Classe
von Erscheinungen zu einer anderen, durch welche sie begründet wird oder die von
ihr abhängt.
Es ist mir ein Glück geworden, das wenige wissenschaftliche Reisende in gleichem
Maaß mit mir getheilt haben: das Glück, nicht bloß Küstenländer, wie auf den
Erdumseglungen, sondern das Innere zweier Continente in weiten Räumen und zwar
da zu sehen, wo diese Räume die auffallendsten Contraste der alpinischen
Tropenlandschaft von Südamerika mit der öden Steppennatur des nördlichen Asiens
darbieten. Solche Unternehmungen mußten, bei der eben geschilderten Richtung
meiner Bestrebungen, zu allgemeinen Ansichten aufmuntern; sie mußten den Muth
beleben unsre dermalige Kenntniß der siderischen und tellurischen Erscheinungen
des Kosmos in ihrem empirischen Zusammenhange in einem einigen Werke
abzuhandeln. Der bisher unbestimmt aufgefaßte Begriff einer physischen
Erdbeschreibung ging so durch erweiterte Betrachtung, ja nach einem vielleicht
allzu kühnen Plane, durch das Umfassen alles Geschaffenen im Erd- und
Himmelsraume in den Begriff einer physischen Weltbeschreibung über.
Bei der reichen Fülle des Materials, welches der ordnende Geist beherrschen
soll, ist die Form eines solchen Werkes, wenn es sich irgend eines
litterarischen Vorzugs erfreuen soll, von großer Schwierigkeit. Den
Naturschilderungen darf nicht der Hauch des Lebens entzogen werden, und doch
erzeugt das Aneinanderreihen bloß allgemeiner Resultate einen eben so ermüdenden
Eindruck als die Anhäufung zu vieler Einzelheiten der Beobachtung. Ich darf mir
nicht schmeicheln so verschiedenartigen Bedürfnissen der Composition genügt,
Klippen vermieden zu haben, die ich nur zu bezeichnen verstehe. Eine schwache
Hoffnung gründet sich auf die besondere Nachsicht, welche das deutsche Publikum
einer kleinen Schrift, die ich unter dem Titel Ansichten der Natur gleich nach
meiner Rückkunft aus Mexico veröffentlicht, lange Zeit geschenkt hat. Diese
Schrift behandelte einzelne Theile des Erdelebens (Pflanzengestaltung,
Grasfluren und Wüsten) unter generellen Beziehungen. Sie hat mehr durch das
gewirkt, was sie in empfänglichen, mit Phantasie begabten jungen Gemüthern
erweckt hat, als durch das, was sie geben konnte. In dem Kosmos, an welchem ich
jetzt arbeite, wie in den Ansichten der Natur habe ich zu zeigen gesucht, daß
eine gewisse Gründlichkeit in der Behandlung der einzelnen Thatsachen nicht
unbedingt Farbenlosigkeit in der Darstellung erheischt.
Da öffentliche Vorträge ein leichtes und entscheidendes Mittel darbieten, um die
gute oder schlechte Verkettung einzelner Theile einer Lehre zu prüfen, so habe
ich viele Monate lang erst zu Paris in französischer Sprache und später zu
Berlin in unserer vaterländischen Sprache fast gleichzeitig in der großen Halle
der Singakademie und in einem der Hörsäle der Universität Vorlesungen über die
physische Weltbeschreibung, wie ich die Wissenschaft aufgefaßt, gehalten. Bei
freier Rede habe ich in Frankreich und Deutschland nichts über meine Vorträge
schriftlich aufgezeichnet. Auch die Hefte, welche durch den Fleiß aufmerksamer
Zuhörer entstanden sind, blieben mir unbekannt, und wurden daher bei dem jetzt
erscheinenden Buche auf keine Weise benutzt. Die ersten vierzig Seiten des
ersten Bandes abgerechnet, ist alles von mir in den Jahren 1843 und 1844 zum
ersten Male niedergeschrieben. Wo der jetzige Zustand des Beobachteten und der
Meinungen (die zunehmende Fülle des ersteren ruft unwiederbringlich
Veränderungen in den letzteren hervor) geschildert werden soll, gewinnt, glaube
ich, diese Schilderung an Einheit, an Frische und innerem Leben, wenn sie an
eine bestimmte Epoche geknüpft ist. Die Vorlesungen und der Kosmos haben also
nichts mit einander gemein als etwa die Reihefolge der Gegenstände, die sie
behandelt. Nur den "einleitenden Betrachtungen" habe ich die Form einer Rede
gelassen, in die sie theilweise eingeflochten waren.