Ich kannte Rosenkönig zuvor nicht und wurde erst durch einen Spieletestseite darauf aufmerksam, die es als eines der Brettspielhighlights beschrieb.
Mein erster Gedanke: "Rosenkönig" klingt ganz schön kitschig.
Mein zweiter Gedanke: Was kann ich heutzutage von einem Brettspiel dieser Preisklasse erwarten, wenn schon durchschnittlich ausgestattete Spiele 30 Euro und mehr kosten?
Antwort: Der Kitsch beschränkt sich auf den Namen und erwarten kann man bei diesem Spiel eine ganze Menge!
Die Entwickler:
Das Spiel wurde von Dirk Henn entwickelt, der seinerseits schon einige bekannte Brettspiele wie Alhambra, Metro und Shogun entwickelt hat. Als Illustratoren des Spiels zeigen sich Tanja Donner, Andreas Steiner und Claus Stephan verantwortlich.
Auf den Markt gebracht wurde es vom Kosmos-Verlag, der es inzwischen zu seiner Reihe "Klassiker für Zwei" zählt.
Die Ausstattung:
Das Spiel selbst kommt in einer 20x20x5cm großen, schön illustrierten Metallbox daher. Das wirkt nicht nur edler, es erspart auch das leidige Einreißen des Deckels an seinen Ecken, wie man es nach einiger Zeit von Spielen in der üblichen Pappverpackung kennt.
Beim Öffnen des Spiels fällt auf, dass es mit sehr wenig Material auskommt. Neben dem Spielplan befinden sich gerade mal 53 Spielsteine (52 identische Machtsteine und ein Kronenspielstein), 32 Spielkarten (24 Machtkarten und 2x 4 identische Heldenkarten), sowie eine sechsseitige Anleitung in der Box.
Der Spielplan ist schön illustriert und kommt mit 38x30cm aus. Die reine Spielfläche auf dem Brett beträgt 25x25cm. Außer ein paar Zentimetern um das Spielbrett herum, auf denen einige Karten ausgelegt werden, braucht es auch nicht mehr Platz, so dass auch auf kleinen Tischen oder gar unterwegs gespielt werden kann.
Die 52 Machtsteine sind aus Holz gefertigt, in blau gehalten und doppelseitig bedruckt, auf einer Seite mit einer roten Rose, auf der anderen mit einer weißen. Jeder dieser Steine entspricht in seinem Durchmesser der Größe eines 1-Cent-Stücks, ist aber deutlich dicker. Der letzte Spielstein ist eine ebenfalls aus Holz gefertigte Krone.
Auch die Spielkarten sind schön illustriert und fügen sich in das positive Gesamtbild des Designs ein.
Die Anleitung kann nur als ausgezeichnet bezeichnet werden. Trotz der nur 6 Seiten schafft sie es, dem Spieler alles wichtige widerspruchsfrei und einfach verständlich nahezubringen. Sicherlich auch dank der guten Bilderklärungen (zB die Illustration eines Zugbeispiels).
Die Story:
Worum geht es nun? Das Spiel versetzt uns ins England des 15. Jahrhunderts. Damals kämpften die Häuser York und Lancaster um die Vorherrschaft im Lande. Beide Parteien versuchen möglichst viele Gebiete unter ihre Kontrolle zu bekommen, um den Anspruch auf den englischen Thron zu festigen. Da beide Familien eine Rose in ihren Wappen tragen, bezeichnet man diesen Krieg als Rosenkrieg. Die beiden Spieler übernehmen nun die Rolle je eines der beiden Häuser.
Die Partie:
Eine Partie ist schnell vorbereitet. Die 24 Machtkarten werden gemischt und an die Seite gelegt. Jeder Spieler zieht 5 Karten und legt diese offen vor sich. Der Kronenspielstein wird auf zentrale Feld des 9x9 Felder großen Brettes gestellt. Er dient als einziger "Bewegungsspielstein" im Spiel. Die 52 Machtsteine werden neben das Spielfeld gelegt.
Was passiert nun? Ziel des Spiels ist es, eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen. Punkte bekommt man für eroberte Gebiete. Jedes der 81 Felder stellt ein Gebiet dar. Grenzt ein Gebiet mit einer Seite an ein eigenes anderes Gebiet an, so vervielfachen sich die Punkte sogar. Die Punktzahl lässt sich daher sehr einfach ermitteln. Man zählt die Zahl der zusammenhängenden Gebiete und multipliziert sie mit sich selbst. Ein einzelnes Gebiet bekommt somit einen Punkt. Für zwei zusammenhängende Gebiete gibt es schon 4 Punkte, bei 4 Gebieten wären es 16 Punkte, usw. (das Rechnen wird angenehmerweise dadurch erspart, dass in der Anleitung eine Punktetabelle zu finden ist).
Ein Gebiet wird erobert, indem man den Königsspielstein darauf zieht. Das ist jdoch nicht ohne Einschränkungen möglich. Zum einen muss das Gebiet noch frei sein und zum anderen braucht man die passende Machtkarte.
Die Machtkarten bestehen aus einer Art Kompass mit 8 Richtungen. Ein Schwert dient als Kompassnadel und zeigt, in welche Richtung der Königsstein mit der jeweiligen Karte bewegt werden darf. Darüber ist eine Zahl von 1-3 angegeben, die zeigt, wieviele Felder gezogen werden müssen.
Der Spieler kann sich nun bei jedem Zug für eine von drei Optionen entscheinden.
1) Machtkarte spielen
In diesem Fall spielt der Spieler eine von seinen Machtkarten und zieht den Königsstein. Wie schon erwähnt, darf man nur auf freie Felder ziehen. Im Übrigen muss man die gesamte Zahl der Felder ziehen. Man darf weder aus eigenem Interesse noch aus anderen Gründen (Spielfeld zu Ende) Zugpunkte verfallen lassen. Erfüllt man dies nicht, kann die Karte nicht gespielt werden. Auf dem freien Feld wird dann ein Machtstein mit der entsprechenden Farbe des Spielers platziert.
2) Karte ziehen
Eine andere Möglichkeit ist es, keine Machtkarte zu spielen und seinen Kartenvorrat um eine Karte aufzustocken. Das darf man jedoch nur tun, solange man nicht schon 5 Karten in seinem Besitz hat.
3) Machtkarte zusammen mit Heldenkarte spielen
Dieser Zug verhält sich wie 1), allerdings mit einem Unterschied. Die Heldenkarte erlaubt es, den Kronenspielstein auf ein vom Gegner besetztes Gebiet zu ziehen und dieses Gebiet in ein eigenes zu verwandeln.
Auf dieser Basis sind die Spieler abwechselnd dran. Kann einer der beiden Spieler keinen Zug machen, so darf der andere Spieler so oft ziehen, bis der erste wieder eine Zugmöglichkeit hat. Das Spiel endet, wenn entweder keiner der beiden Spieler einen Zug machen kann oder wenn alle Machtsteine gesetzt wurden. Am Ende werden die Gebietspunkte gezählt und der Gewinner ermittelt. Üblicherweise dauert eine Partie 15-30 Minuten und ist daher auch für zwischendrin eine gute Unterhaltungsmöglichkeit.
Taktik:
Das Spiel erscheint auf den ersten Blick zugegeben simpel. Jedoch merkt man bereits nach 1-2 Partien, dass es sehr gut durchdacht ist und viele taktische Finessen bietet.
Da man nur mit den 4 eigenen Heldenkarten einen direkten Angriff auf den Gegner starten kann, sollten diese 4 Angriffe wohl überdacht sein. Wo hat ein gegnerischer Gebietszusammenschluss einen Schwachpunkt, so dass man ihn in zwei kleine Gebiete trennen könnte und seinem Gegner somit viele Punkte zunichte macht?
Wo kann ich im nächsten Zug bedenkenlos hinziehen, ohne dass mein Gegner mit seinem Zug eine meiner Schwachstellen attackieren kann?
Die Frage: wird mein Gegner im nächsten Zug die Krone ziehen oder eine Karte ziehen? Kann ich auf diese Weise einen besseren Zug für mich vorbereiten? Kann ich sogar so ziehen, dass mein Gegner pausieren muss und ich erstmal freie Hand habe?
Allein mit der Idee, die Machtkarten der beiden Spieler offen zu legen, so dass beide ihre Züge danach planen können, hat Dirk Henn den taktischen Tiefgang des Spiels vervielfacht. Wie auch beim Schach ist man gefordert, mehrere Züge im voraus zu denken und das Verhalten des Gegenspielers zu antizipieren.
Selbstverständlich erreicht "Rosenkönig" nicht die taktische Tiefe von Schach. Aber welches Spiel schafft das? Der taktische Anspruch übertrifft dennoch den der meisten anderen Spiele, die man heutzutage findet.
Fazit:
Die Einfachheit des Spiels und seine Fähigkeit komplex zu sein ohne kompliziert zu werden, machen "Rosenkönig" zu einem strategischen Leckerbissen für zwei Personen. Auch und gerade deshalb, weil es mit den Spielkarten nur einen einzigen Glücksfaktor gibt. Dieser ist aber ausgezeichnet platziert, da er sich mit der richtigen Strategie sinnvoll minimieren lässt und den Nervenkitzel noch ein wenig steigert.
Im Übrigen wissen auch Verpackung, Material, Design und Anleitung zu überzeugen. Mehr kann man in dieser Preisklasse nicht verlangen.