Das Brettspiel "Der Hexer von Salem" ist eine zweischneidige Sache, und ich schicke gleich vorweg, dass ich Fan des Lovecraft'schen Universums und insbesondere deren hochkomplexen Brettspiel-Umsetzung "Arkham Horror" bin.
"Der Hexer von Salem" ist nun eine weitere Umsetzung des ewigen Kampfes kleiner Ermittler gegen die Mächte des Mythos, aber leider bleibt bei mir nach dem "Genuss" ein eher schaler Beigeschmack übrig.
Das Spiel ist wie "Arkham Horror" kooperativ angelegt, alle Spieler gewinnen oder verlieren gemeinsam. Im Falle von "Der HExer von Salem" kämpfen die Spieler mit einem "guten Magier" quasi im Team gegen einen "bösen Magier", der die Großen Alten heraufbeschwören will. Man spielt gegen das System und gewinnt auch wirklich nur, wenn man seine Aktionen konsequent zusammen und etwas im Voraus plant.
Dieses Teamplay und etwas Weitsicht sind definitiv notwendig, um zu gewinnen. Zumal im Verlauf der Partie genau geschaut werden muss, wer wann was macht, z. B. sich dem Großen Alten stellt (der Spieler ist dann quasi aus dem Spiel!) und wer dann das letzte Tor schließt, um die Siegbedingungen für das Spielerteam zu erfüllen. Klingt ja ganz gut, und der Werbetext auf der Kiste verheißt Spannung.
Doch entgegen "Arkham Horror", das konzeptionell zahlreiche Freiheitsgrade hat und den Spielern vielschichtige Möglichkeiten zum Agieren eröffnet, fühlt man sich hier eher wie ein aktionistischer Mangelverwalter. Die Spielfiguren sind außerdem leider alle gleich, können also keine Talente oder individuelle Fähigkeiten einbringen. Gerade einmal über aufsammelbare Gegenstände und Artefakte kann man sich hier helfen oder wappnen. Das spiel ist also recht simpel gehalten, mit dem Effekt, dass gegenüber "Arkham Horror" eine Partie auch in maximal 2 Stunden durch ist ;)
Was entgegen Arkham Horror ein netter Aspekt ist: es ist zu Beginn des Spieles nicht klar, gegen welchen Großen Alten es geht. Hie und da taucht mal einer (mehr) aus dem Pantheon auf und verbreitet indirekt Unbill, die Unkenntnis, wer da letztlich hinterm nächsten Dimensionstor lauert oder gar beschworen werden soll, sorgt für Spannung ...was sich aber leider relativiert, wenn man weiß, dass sich diese Individualität leider darauf beschränkt, dass man (nur) eine bestimmte 3er-Kombination an Gegenständen benötigt, um den jeweiligen Großen Alten erfolgreich zu bannen. Das ist leider etwas läppisch und ...unwürdig.
Ebenfalls schön: das Artwork! Alles sehr bunt und stimmig gemacht, auch die Counter wirken haltbar - das Auge spielt hier gerne mit.
Was ich aber am Spiel und seinem Konzept ernsthaft bemängele:
1) Die Knüppel, die das Spielsystem dem Ermittlerteam entgegen wirft, können die Partie sehr schnell und heftig kippen lassen - einfach aus Zufall. Die Spieler können nichts dagegen tun, sich nicht einmal dumm anstellen!
2) Der Plot (und zwar JEDE Partie) ist sehr linear: Man hat eine Zählleiste, bis zu einem gewissen Punkt müssen die Spieler herausgefunden haben, welcher Große Alte eigentlich verdeckt auf die Beschwörungsparty lauert. Schaffen sie es bis dahin nicht, verlieren sie sofort.
Ist der Große Alte rechtzeitig bekannt und letztlich aktiv, muss er "nur noch" gebannt werden, und die Spieler müssen die aktiven Dimensionstore auf dem Feld versiegelt haben. Ein sehr hakeliger Mechanismus, und er ist von Partie zu Partie gleich.
3) Das Versiegeln der Tore bzw. die Methode dafür ist albern: es gibt 6 Tore auf dem Spielbrett, darauf werden gemischt und verdeckt mehrere Tore oder auch Blindgänger verteilt. Spieler können ein Tor erforschen, indem sie den Ort mit ihrer Ermittlerfigur besuchen und sich die jeweilige Karte angucken. Ggf. können Sie dann mit dem zum Tor passenden Artefakt, das man ebenfalls unterwegs aufsammeln muss, selbiges versiegeln.
Das Alberne nun: jeder Spieler darf nur das von den Toren wissen, was er sich selber angeguckt hat - mit den anderen Spielern darf darüber nicht gesprochen werden!? Und wenn zum Schluß "aus Versehen" ein blindes Tor mit einem Siegel belegt wurde, verlieren die Spieler trotz Erfolg gegen den Mythos. Vollkommen ballaballa! Die Spieler SOLLEN kooperieren, aber ein unausgegorener Spielmechanismus mit dieser aufgesetzten Geheimniskrämerei unterwandert dies komplett. Großer Mist!
4) Und dann noch das Thema Timing & Copyright. Ja, dies ist ein peinlicher Punkt, den ich dem Spiel und dem Autor bzw. dem Verlag wirklich negativ ankreide. "Der Hexer von Salem" just im VÖ-Kielwasser von Arkham Horror auf Deutsch zu lancieren, ist dreist bis genial (denn sonst wüsste niemand wohl etwas damit anzufangen...). Dass dann aber drinnen bis auf die Großen Alten so ziemlich alles zwar abgekupfert, aus Copyright-Gründen aber nicht so genannt werden darf, wie es eigentlich heißt, ist jämmerlich. Das hat weder das Spiel noch die literarische Vorlage verdient, Hohlbein hin oder her, der mit Lovecraft auch nur peripher zu tun hat(te).
Als Kenner der Mythos-Materie kommt mir beim Spielen das Grausen bzw. das irre Lachen! Vielleicht ist das Ganze vom Verlag auch satirisch gemeint? Ich habe dazu aber leider keinen Beileger gefunden... es scheint also alles ernst gemeint zu sein. Ebenso wie der böse Magier "Nekron", der mich optisch doch sehr an Imperator Palpatine aus Star Wars erinnert?
Mein Eindruck: nett gedacht, schlecht gemacht, mit Systemfehlern. Wie gesagt, meine persönliche Messlatte an das Spiel liegt hoch, zugegeben, aber "Der Hexer von Salem" kommt mir wie ein zusammengezimmertes, stelziges Plagiat vor, das sich einerseits peinlich vom "Vorbild" distanziert, gewaltsame Vereinfachung versucht und leider nicht den Dreh zu was Eigenständigem schafft.
Durch den linearen Plot ist es zwar ein sehr enges Ringen gegen das Spielsystem. Die Balance hierbei ist mir persönlich aber zu unausgewogen, da das Pendel zu heftig für oder gegen die Spieler ausschlagen kann. Gut, die Großen Alten und ihre Diener sind mächtige Gegner, aber die Aussicht nur aufgrund der Reihenfolge gezogener Karten zu scheitern, ohne mit der Spielfigur wirklich was beeinflussen zu können, motiviert wenig. Mir ist zu viel Lotterie im Spielkonzept verbaut worden.
Auch diejenigen, die Arkham Horror aufgrund der Komplexität verschreckt, werden hier m.E. nicht glücklicher. Beim "Hexer von Salem" sind einfach nur viele Freiheitsgrade weggestrichen worden, bis nur noch ein knappes "Wir oder Sie" übrig geblieben ist. Ein wirklich einfaches Spiel zum Auspacken und Loszocken ist "Der Hexer von Salem" deshalb aber auch nicht.
Ich geb' mal wohlwollende 3 Sterne, aber eher mit der Tendenz nach unten.