Es gibt wenig Bücher, die ein Weltbild erschüttern - oder aufbauen - und so gut geschrieben sind, dass jede Seite ein echtes Lesevergnügen ist. "Kosmische Doppelgänger" gehört dazu. Es ist das erste populärwissenschaftliche Buch des an der amerikanischen Tufts University in Medford, Massachusetts, forschenden Physikers und Kosmologen Alexander Vilenkin.
In 19 kurzen Kapitel geht es buchstäblich ums Ganze: Vom Ursprung bis zum Ende des Universums. Hierzu sind zwar einige (gute) Bücher erhältlich, aber " Kosmische Doppelgänger" ist anders. Zwar werden auch in ihm kurz die wesentlichen Aspekte der modernen Kosmologie (Relativitätstheorie, Quantenphysik, Urknall-Modell, aktuelle Messungen) erläutert, so dass keine speziellen Vorkenntnisse erforderlich sind. Aber der größte Teil des Buchs unterscheidet sich von der Konkurrenz, denn Vilenkin schreibt über Themen, die man anderswo nicht oder nur kurz (und nicht selten missverständlich oder unangemessen) dargestellt findet. Und er beschreibt die Forschungen aus erster Hand: als einer, der sie auf Konferenzen und in vielen persönlichen Diskussionen miterlebt sowie durch seine eigenen Beiträge auch wesentlich mitgestaltet hat. Gleichwohl stellt er sich nicht in den Mittelpunkt. Sein Stil ist angenehm zu lesen, sehr präzise, schlank, nie langweilig und gewürzt mit feinem Humor. Immer wieder bieten Anekdoten - viele sind hier erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt - Abwechslung und Erholungspausen.
Vilenkin gibt gute Argumente dafür, dass potenziell unendlich viele andere Blasenuniversen existieren. Womöglich haben viele ganz andere Naturkonstanten oder -gesetze. Dann könnten sie sich viel schneller ausgedehnt haben oder sind längst wieder in sich zusammengestürzt, oder sie enthalten keine Sterne, lediglich Wasserstoff oder nur Strahlung. Viele wären also wüst und leer. Dass wir in einem lebensfreundlichen Universum sind, wäre also ein schlichter Beobachter-Selektionseffekt - ähnlich wie wir uns nicht zu wundern brauchen, im Sonnensystem auf der Erde und nicht auf dem Merkur oder Pluto zu leben, denn dort wäre es viel zu heiß oder kalt. Kosmologen sprechen anstelle dieses Beobachter-Selektionseffekts auch vom "Anthropischen Prinzip", für das Vilenkin schon früh argumentiert hat. Mehr noch, er führte ein weiteres Prinzip in die Kosmologie ein: das Prinzip der Mittelmäßigkeit. Es hilft in diffizilen statistischen Problemen bei der Beschreibung kosmologischer Parameterwerte.
Von "innen" (aber nicht "von außen"!) betrachtet sind viele Blasenuniversen unendlich groß. Da jedoch die Zahl der physikalischen Zustände und Konfigurationen in so einer Blase endlich ist - eine Konsequenz der Heisenbergschen Unschärferelation der Quantenphysik - ergibt sich Vilenkin zufolge eine geradezu abenteuerliche Schlussfolgerung: Alle Zustände sind irgendwo realisiert, und zwar potenziell unendlich oft. Mit anderen Worten: Es muss unendlich viele "Parallelerden" geben, die mit unserer identisch sind, aber auch unendlich viele mit alternativen Geschichtsverläufen, in denen beispielsweise Elvis Presley noch lebt und Al Gore, nicht George Bush, amerikanischer Präsident ist. (In unserem beobachtbaren Universum könnte es 10 hoch 10 hoch 90 verschiedene physikalische Zustände und 10 hoch 10 hoch 150 verschiedene Entwicklungsverläufe geben, aber das sind nur grobe Schätzungen - entscheidend ist jedoch, das die Zahl endlich ist!) Diese Hypothese lässt sich schwer akzeptieren. Dies gilt vor allem für die Tatsache unserer atomgenauen Doppelgänger, auch wenn der nächste schätzungsweise unerreichbare 10 hoch 10 hoch 100 Lichtjahre entfernt wäre. Doch wenn die Annahmen stimmen, ist die Schlussfolgerung zwingend. Und diese "Paralleluniversen" sind alle gleich real - sie gehören zu einer Welt. (Sie sind aber keine Superposition wie in der "Many Worlds"-Interpretation der Quantenphysik!) Daher der englische Buchtitel "Many Worlds in One".
Auch wenn unserem Blasenuniversum eine unbestimmte Zeit lang ein falsches Vakuum vorausging, müsste es also einen absoluten Anfang gegeben haben. Und hierzu leistete Vilenkin - wie Stephen Hawking, Jim Hartle und andere - ebenfalls entscheidende Forschungsbeiträge: Ihm zufolge entstand der Kosmos durch einen Quantentunnel-Effekt quasi aus dem Nichts. So ein Zufall ist analog zum radioaktiven Zerfall eines Atoms. Die naheliegende Frage nach der Kausalität schmettert Vilenkin ab: Es ist ein Quantenprozess und erfordert keine Ursache. Ebenso die Frage, was vor dem Tunnelvorgang war: Da gab es weder Raum noch Zeit, somit ist die Frage sinnlos. Doch selbst wenn dies so wäre, und davon sind bei weitem nicht alle Quantenkosmologen überzeugt, hätte man keine Letzterklärung, sondern ein noch schwierigeres Problem. Denn die philosophische Frage, warum etwas ist und nicht nichts, hat Vilenkin ja nicht beantwortet, sondern vielmehr elegant umgangen. Und zwar zu einem hohen Preis, wie er selbst zugibt: Das Tunneln wird mit den Gesetzen der Quantenphysik beschrieben, also müsse das "Nichts" diesen Gesetzen gehorchen; die Gesetze der Physik müsse es gegeben haben, auch wenn da kein Universum war. Wie aber können physikalische Gesetze unabhängig von Raum, Zeit, Materie und Energie existieren?
Einige Schwarzweiß-Abbildungen bereichern das Buch: Fotos der wichtigsten erwähnten Forscher, augenzwinkernde Karikaturen und einige gute, für das Verständnis oft sehr hilfreiche Grafiken. Für die Lektüre des Buchs sollte man sich Zeit nehmen: Nicht weil sie besonders schwierig ist - die Themen sind anspruchsvoll, aber der Autor überfordert seine Leser nicht, auch wenn er sie herausfordert: zum Mitdenken -, sondern weil der Lesegenuss sonst zu schnell vorbei ist.