Geistliche, die über Sex schreiben - das ist wohl für viele etwas gewöhnungsbedüftig. Gerade weil Sex in vielen religiösen Kontexten als "Sünde" beschrieben wird.
Um so hilfreicher ist es, die Ansichten und Meinungen eines Rabbiners zu diesem Thema zu lesen, zu reflektieren und zu verdauen.
Positiv an dem Buch ist, dass Sex keineswegs als sündiger, aber halt notwendiger Vorgang beschrieben wird, sondern als etwas absolut herrliches, fast göttliches, und dass es das höchste Gut ist, welches ein Ehepaar erlangen kann. Es tut gut, diese durchaus gesunde Sichtweise immer wieder in dem Buch zu lesen.
Doch die Schlussfolgerungen fallen allzuleicht in die Klischees zurück, deren Hinterfragung und Auflösung wir in den letzten Jahrzehnten so intensiv betrieben haben.
Wer nur nach den äußerlich vertretenen Einstellungen fragt, kann das Buch zusammenfassen: Sex ist soooo heilig, dass er nur in der Ehe erlaubt ist (am besten in der Missionarsstellung), Sex vor der Ehe sowie verschiedene Beziehungen ohne Heirat führen zu erhöhten Scheidungszahlen, Masturbation geht gar nicht (dann lieber früher heiraten), Homosexualität scheidet ebenfalls aus.
In der Schlussfolgerung ist dann jeweils der eine Ehepartner für die sexuelle Zufriedenheit des anderen zuständig und auch verantwortlich. So schön das klingen mag, in der Realität wird es wohl nur wenigen gelingen, hier genau das richtige Maß zu treffen. Auch das vollständige Aufgehen in einer Beziehung, ohne verbleibende Fremdheit, erscheint waghalsig, da hier dem Partner und auch einem selbst eine sehr große Verantwortung aufgebürdert wird.
Diese Konstruktion mag gelingen, wenn die beiden Partner aus sehr ähnlichen Elternhäusern stammen, in denen die Fürsorge für den anderen jeweils gleich hoch im Kurs steht. Besteht jedoch hier ein Ungleichgewicht, wird sich der eine Partner verausgaben, der andere nur einkassieren.
Diese gesellschaftspolitische Diskussion fehlt vollständig.
Doch warum sollte man das Buch vielleicht doch lesen oder verschenken?
Nun, es sind die Begründungen für die einzelnen schrulligen Ansichten, die das Buch so lesenswert machen und auch einer Person, die ihre Ansichten NICHT verändern möchte, neue Impulse für die Überlegungen rund um den Sex geben.
So wird z. B. ein Loblied wird auf die Missionarsstellung gesungen, sei sie doch die einzige Stellung, in der sich die Partner auch in die Augen sehen können und sich fest umarmen können, was besonders für die Frauen so wichtig ist. Es geht unserem Rabbiner also darum, dass der Sex möglichst intim und persönlich und allumfassend ist. Ähnlich nimmt das Buch auch bei anderen Fragen oder Empfehlungen dann eine überraschende Wendung, wenn es um die jeweiligen Argumente dafür oder dagegen geht.
Insgesamt ist es also ein sperriges Buch, welches von den Ansichten her als veraltet oder schrullig bezeichnet werden könnte. Die permamente Wiederholung der Bedeutung von Sex für die Liebe und die Partnerschaft machen das Buch trotzdem bzw. gerade deswegen dennoch sehr lesenswert.