Ich hatte bis jetzt sehr gute Erfahrungen mit Reiseführern aus dem Michael Müller Verlag und kaufte deshalb diesen hier ungeschaut. Nach 3 Wochen Korsika als Individualtourist und in Begleitung des Marcus X. Schmidschen Werks, muss ich einiges los werden.
Herr Schmid gibt sich als Insider. Orts-, Restaurant- oder Unterkunftsbeschreibungen sind immer wieder mit persönlichen Erlebnissen oder Eindrücken versehen, so dass der Eindruck entsteht, hier erzählt einer, der sich wirklich auskennt. Das Problem ist, Herr Schmid transportiert hier seine persönliche Realität von Korsika, die nicht unbedingt kongruent mit der Ihren zu sein hat und definitiv nichts mit dem Korsika zu tun hat, das ich erlebte. Ortsbeschreibungen und Unterkunftsempfehlungen sind meist so formuliert, dass man als unbedarfter Leser den Eindruck bekommt, aha, im Dorf XY gibt's eben nur das von Schmid Beschriebene und sonst nichts. Genau hier sehe ich das Problem dieses Reiseführers. Es ist eine sehr persönliche Selektion von Dingen, die dem Leser aber leider im Irrglauben belässt, die Selektion sei das Ganze. Warum er manches auflistet und anderes, das daneben ums Eck existiert, nicht einmal erwähnt, bleibt mir verschlossen. Klar, ein Reiseführer kann kein Branchentelefonbuch sein, doch Herrn Schmids Auswahl ist merkwürdig, weil für mich als Reisenden nicht nachvollziehbar. Vielerorts hatte ich den Eindruck, dass Herr Schmid entweder nie da gewesen sein kann oder aber, er muss manche Orte bei Nacht und Nebel bereist haben, denn so wie er Korsika beschreibt, entsteht nichts anderes als ein Trugbild.
Ein paar Beispiele.
Unser Urlaub begann im chambre d'hotes L'Acropole im Asco Tal, weil ich mich durch die Schmidsche Beschreibung "Der Gast ist hier bestens aufgehoben.' und "... Wildschwein ..., wie man es auf der Insel selten bekommt ..." verführen liess. Die Realität: winzige, fensterlose Zimmer, Tageslicht nur durch die Eingangstüre. Ja, Wildschwein wird auch gekocht, sowie Kalb und Rind und anderes Getier, nur leider sterben dort alle Tiere zwei Tode. Den einen im Schlachthof und den anderen im Kochtopf des l'Acropole. Für das Gebotene bezahlten wir dann einen völlig überteuerten Preis. Wie man für so einen Nepp so eine positive Empfehlung abgeben kann, ist mir ein Rätsel. Aber anfänglich dachte ich nur, na ja, von Gastronomie scheint Herr Schmid nichts zu verstehen.
Unweit des Asco Tals fährt von Ponte Leccia aus, die von Herrn Schmid als abenteuerlich und einzigartig beschriebene korsische Eisenbahn Trinighellu. Leider hat Trinighellu nichts mit Eisenbahnromantik zu tun, sondern ist schlicht und einfach ein öffentliches Verkehrsmittel und als solches auch immer wieder hoffnunglos überfüllt. Wir hatten Glück, weil wir früh dran waren und noch Sitzplätze ergattern konnten, die anderen Fahrgäste, die später aus dem von Bastia kommenden Zug zustiegen, standen dann auf der 2-stündigen Fahrt nach Calvi wie die Sardinen eingepfercht in dem kleinen Triebwagen, was bei 30° C im Schatten wahrlich kein Vergnügen war. Die Fahrt geniessen ? Fotografieren ? Fahrräder mitnehmen ? Vergessen Sie's - rush hour auf korsisch und sicher nichts, wofür man im Urlaub auch noch Geld bezahlen will. Schmids Beschreibung, dass in den Zügen meistens Platz ist, kann ich nicht bestätigen.
In Evisa empfiehlt Herr Schmid das kinderfreundliche Hotel La Chataigneraie. Ich weiss nicht, was Sie unter kinderfreundlich verstehen, ich verstehe darunter nicht nur, dass Kinder willkommen sind, sondern auch, dass Räumlichkeiten vorhanden sind, um eine Familie mit Kindern bequem zu beherbergen. Das Hotel hat ein einziges 3-Bettzimmer, 4-Bettzimmer gibt's nicht und die vorhandenen Doppelzimmer sind viel zu klein, um noch ein Zusatzbett, geschweige denn zwei hineinzustellen. Die La Chataigneraie ist eine kleine Oase, deren Patron exzellent kocht, sehr gut Englisch spricht, mit einer Amerikanerin verheiratet und darüberhinaus noch stolzer Vater zweier Kinder ist. Man könnte sich als Familie dort richtig wohl fühlen, wenn nur familiengerechte Zimmer vorhanden wären. Von den vielen guten Attributen, die für die La Chataigneraie zutreffen, ist "kinderfreundlich" das sicherlich unpassendste.
Wo Herr Schmid höchstens 5 Minuten um Mitternacht vorbeigekommen sein kann ist die Gegend um Campomoro und Portigliolo im Golf von Valinco. '... der Strand ist verlockend einsam, weil ... mit Stacheldraht versperrt ... nur zwei Lücken ... eine bei der Feriensiedlung U Levanti ...' (Auf die kleine Bungalow Feriensiedlung, die übrigens U Livanti heisst, wird übrigens nicht weiter eingegangen). Wir waren dann 5 Tage in U Livanti, weil wir ursprünglich zu dem dahinter liegenden Campingplatz Lecci e Murta wollten - die einzige von Herrn Schmid angeführte Unterkunft in Portigliolo, die aber ausgebucht war - und dann U Livanti als Notlösung nahmen. Am nächsten Tag stellte ich dann fest, dass wir nicht die Notlösung, sondern den besten Platz an der Bucht hatten und es war wieder sonnenklar, wie wirr und irreführend die Schmidsche Beschreibung von Portigliolo ist (wer will schon an einen Strand mit Stacheldraht und warum wird die direkt am Strand liegende Siedlung nicht beschrieben, dafür aber der weit hinten liegende Campingplatz schon ?). U Livanti ist preiswert, geräumig, sauber, liegt direkt am Meer, u.a. mit Bootsverleih (Kajak, Motorboot, Tretboot, Hobie Kats) und französischer Segelschule. Von Stacheldraht keine Spur. Was Herr Schmid über Campomoro schreibt, erspare ich Ihnen, es ist wertlos. Sollten Sie einmal dort hinkommen, gönnen Sie sich Languste im Restaurant Des Amis des Hotels Campomoro, sie wird Ihnen schmecken.
Restlos hat sich's Herr Schmid mit mir aber durch seinen "Tipp" für die prähistorische Fundstätte Filitosa verscherzt. "Ideale Fotozeit ist der späte Vormittag ... Konturen der Menhirstatuen dann besonders deutlich". Vermeiden Sie den späten Vormittag, denn dann sind die Gesichter und Vorderseiten der interessantesten Statuen (z. B. Filitosa V, Filitose IX ) im Schatten und Sie werden Zeter und Mordio schreien, weil Sie schon wieder dem Schmidschen Rat gefolgt sind. Skurillerweise gibt es im Schmidschen Reiseführer Abbildungen von den Statuen Filitosa V und IX, die allerdings mit der Sonne im Westen fotografiert wurden, aber das versteht man leider erst, wenn man selbst dort war.
Gegen Ende unserer Reise suchte ich dann nach einem Ort und einem Hotel, die bei Schmid eher schlecht wegkommen. In Solenzara an der Ostküste würde ich mit dem Hotel La Solenzara fündig. Obwohl Herr Schmid es aufzählt, kann er es aber leider, so wie er schreibt, wegen des ruppigen Empfangs nicht empfehlen. (Schmidchen, dann lass es doch einfach weg, wozu ein Hotel in einen Reiseführer aufnehmen, das man eh nicht wegen Ruppigkeit empfehlen will, es gibt doch in Solenzara noch andere !). Na jedenfalls, wir wurden dort überhaupt nicht ruppig empfangen, das 4-Bett Zimmer war sehr geräumig und der swimming pool, schon aufgrund seiner Architektur und seiner speziellen Perspektive zum Meer hin eine Freude und keiner regte sich auf als die Kinder herumplantschten. So was nenn ich dann kinderfreundlich.
Auf der Rückseite des Reiseführers ist Herrn Schmids persönlicher Korsika Tipp abgedruckt '... sich auf einen Stein setzen, die Augen schliessen ..... und den Geschichten des Wasser zuhören". Nun, entscheiden Sie selbst, ob jemand, der am liebsten mit geschlossenen Augen auf einem Stein sitzt und den Geschichten des Wassers zuhört, Ihr auserkorener Führer durch eine fremde Insel sein soll.
Ein Stern für die Gliederung und Übersichtlichkeit der Regionen, eine anderer für die brauchbaren Detail- und Ortskarten. 3 Sterne Abzug für schwere Phantasmagorien.
(P.S. Wir hatten übrigens 3 sehr schöne Wochen auf Korsika, u.a. auch deswegen, weil ich relativ rasch auf Marcus X. Schmids Korsika verzichtete. Zum Glück hatten wir auch Stefanie Holtkamps 'Korsika mit Kindern' dabei.)