...zerstöre ich, zerstöre ich, vernichte ich, so Roithamer."
Dieser Satz Roithamers, Bernhards Protagonist in seinem vierten Roman "Korrektur", beschreibt die Problematik und den Grundgedanken des Werkes sehr gut.
"Korrektur" erzählt auf 317 Seiten, aufgeteilt in zwei Kapitel, die Geschichte von Roithamer, der für seine Schwester einen Kegel als Behausung baut und über diesen Bauprozess eine Studie schreibt. Nachdem seine Schwester den Kegel gesehen hat, begeht sie Selbstmord, woraufhin Roithamer kurze Zeit später ebenfalls den Freitod wählt. Nun begibt sich sein langjähriger Freund, der (namenlose) Ich-Erzähler, in die "höllersche Dachkammer", sozusagen sein Studierzimmer, und ordnet und sichtet die Unterlagen, die Roithamer selbst für wertlos, schlecht und korrigierungsbedürftig verwirft, so dass er aus 800 Seiten 20 (!) gemacht hat - und mit jeder Korrektur verändert sich alles.
Der Suhrkamp-Verlag hat mit dieser bibliophilen Ausgabe, den vierten Band aus der Werke-Reihe 2005 veröffentlicht und erneut in Bezug auf die Text- und Buchgestaltung den Preis zu rechtfertigen verstanden, denn die bernhardschen Monologe sind optisch leserlich aufgearbeitet, samt Lesebändchen, und mit einem spannenden, knapp 70 Seiten umfassenden Nachwort zur Entstehungs-, Rezeptionsgeschichte und Anmerkungen zur Textgestaltung ausgestattet, so dass sich der stattliche Preis dieser Ausgabe rentiert.
Vergleicht der Leser die vorher publizierten Romane Bernhards ("Frost", "Verstörung" und "Das Kalkwerk") mit "Korrektur", fällt auf, dass Thomas Bernhard einen deutlich strukturierteren und besser zu lesenden Roman geschrieben hat, der dennoch durch seine (typische) sprachliche Brillanz zu überzeugen weiß. "Höllersche Dachkammer", das erste Kapitel, steht für eine erzählerische Exposition des Werkes; der Leser lernt die Charaktere kennen, jedenfalls soweit Thomas Bernhard es möchte, möglich macht und es will, die Situationen werden geschildert, einige Beweggründe aufgegriffen, wieder fallen gelassen, der Leser wird verwirrt und verliert sich mit jedem Satz, mit jeder Seite mehr und mehr in den bernhardschen Textwäldern, an deren Rand der Wahnsinn lauert. Insbesondere im Bereich der Satzstrukturen toppt Bernhard seine bereits veröffentlichten Bücher, denn die meisten Satzgefüge erstrecken sich auf mindestens eine, häufig sogar auf 2-3 Seiten. Mit "Sichten und Ordnen", Kapitel 2, wechselt die Erzählperspektive in die Roithamers und einige Geschehnisse werden erneut dargestellt, zumeist jedoch vertieft und intensiviert. Die Intensität des hier geschriebenen ist fulminant: Roithamers Schilderungen, insbesondere die über seine Kindheit sind tragisch, ergreifend und zu tiefst traurig. In diesen Szenen wird ein Versuch gewagt, die Frage zu beantworten, wieso Menschen sich in einen obsessiven Wahnsinn verlieren (in diesem Fall den Bau eines perfekt auf eine Person abgestimmten Kegels).
Erneut spielt eine Räumlichkeit, nämlich das Zuhause der Kindheit (Altensam), eine entscheidende Rolle, die das Leben eines einzelnen Menschen vollständig zerstören kann. Sei es die "höllersche Dachkammer", Altensam oder der Kegel: Räume, Gebäude, Bauten vernichten Existenzen. Die in einer anderen Rezension monierte fehlende Bissigkeit Bernhards ist definitiv zu bestätigen: die Seitenhiebe, die ausufernden Tiraden und die stetigen Meckereien sind lediglich temporär zu spüren. Natürlich macht es Freude, wenn sich Roithamer über Menschen aufregt, deren Intellekt zu wünschen übrig lässt, aber diese Sequenzen sind der Schilderung der Familienumstände des eigentlichen Protagonisten untergeordnet.
Thomas Bernhards "Korrektur" reiht sich mit seinen tiefschürfenden, treffenden Metaphern, seinem Erzählrhythmus und der Macht der verwendeten Sprache in die Riege des bernhardschen Oeuvres ein und muss sich hinter den großen Romanen nicht verstecken. Ich "arbeite" mich momentan von Band 1 bis 22 durch das Gesamtwerk Bernhards und es ist interessant zu erleben, wie sich ein Schriftsteller kontinuierlich weiterentwickelt und an seinem Stil gearbeitet hat.
"Korrektur" wird Sie sprachlos zurücklassen und Sie berühren, wobei ich Ihnen definitiv sagen muss: nichts ist so wie es anfangs scheint, denn Thomas Bernhard ist in der Lage, mit nur einem einzigen Satz mehr als nur die geschilderte Geschichte zu verändern.