Für die meisten Deutschen ist Korea nur eine von vielen aufstrebenden Industrienationen in Ostasien. Durch diesen Erzählungsband kann man eine Ahnung davon bekommen, welche Geschichten mit diesem Aufstieg Koreas verbunden sind.
Mit einer eindrücklichen Reise an die Grenze zwischen Nord- und Südkorea beginnt die Sammlung. Lee Hochol zeigt zwar drastisch die Missverständnisse und die Sprachlosigkeit zwischen den Menschen, die von ihren Systemen geprägt sind; aber die Tatsache, dass ein solches Gespräch überhaupt stattfinden kann und dass der Südkoreaner darin die Stimme der Freiheit ist, gibt der Begegnung fast so etwas wie einen Hoffnungsschimmer. Solcher Optimismus ist selten in den "Koreanischen Erzählungen". Die Erzähler drücken den Respekt vor den Menschen in ihrem Land dadurch aus, dass sie ihre Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nicht wegerklären oder hinter idyllischen Bildern von koreanischen Bergtälern verbergen.
Die Schrecken der koreanischen Geschichte lässt Kim Wonil in seiner sehr spröden Familiengeschichte aufscheinen.
Meine Lieblingserzählung ist "Heimkehr" von Su Jung In: Drei junge Leute Anfang zwanzig machen sich auf der Fahrt in ihr Heimatdorf etwas vor, tun erfolgreich und erwachsen, obwohl sie es nicht sind. Das ist besonders anrührend, weil am Schluss klar wird, dass einer der drei noch viel weiter von diesen Träumen entfernt ist als die anderen beiden.
Eindrucksvoll zeigen Hwang Sok-yong, Kang Sok Kyong und Han Kang auf, welche Auswirkung die Industrialisierung im Turbo-Tempo auf die Menschen hatte, die sich plötzlich in öde Schuhschachtel-Appartements gezwängt fanden, zwischen Ausfallstraßen, die kaum noch Luft zum Atmen lassen.
In zwei der Erzählungen gibt es Bezüge zu Deutschland, und in beiden geht von Deutschen so etwas wie Hoffnung aus. Für eine junge Frau in Kim Young-has Erzählung wird Deutschland das ganz persönliche Land der Freiheit. Und "Die Stimme des Gewissens" ist eine Hommage an den deutschen Journalisten Jürgen Hinzpeter, der entscheidend dazu beitrug, dass die Welt von Massakern der koreanischen Regierung an Regimegegnern in den achtziger Jahren erfahren hat. Am Schluss heißt es dort: "Rettet nicht das feste Wissen, nicht allein und vergessen zu sein, vor dem sicheren Tod?" Das scheint mir ein sehr passendes Schlusswort für diesen Erzählungsband zu sein, dessen Autoren und Autorinnen mit viel Respekt und Einfühlungsvermögen dafür sorgen, dass die Schicksale ihrer Mitmenschen nicht vergessen sind.