Auf der Suche nach einem vernünftigen Buch über afrikanische Musik hätte ich mich fast von der ziemlich durchwachsenen (zu der Zeit einzigen) Rezension bei Amazon abschrecken lassen - und bin jetzt froh, dass ich es nicht getan habe. Ich bin mit dem Werk von Monique Brandily sehr zufrieden und kann auch die Vorbehalte des anderen Rezensenten nicht nachempfinden.
Die Musik eines ganzen Kontinents ist natürlich ein riesiges Thema, und vorher wusste ich darüber sehr wenig, am ehesten noch über die Trommelmusik. In dem Buch wird deutlich, dass diese zwar in Europa gerade eine Modewelle ist, in Afrika aber nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus der musikalischen Tradition darstellt. Wenn man einschlägige Bücher zum Djembé-Trommeln liest, bekommt man da sehr leicht eine schiefe Wahrnehmung.
Um das große Thema fassbar zu machen, geht die Autorin es aus verschiedenen Richtungen an: von den verschiedenen Instrumenten her (ein toller und sehr detaillierter Überblick, habe ich so nirgendwo anders gefunden), von der gesellschaftlichen Rolle der Musik her (das findet man ähnlich auch woanders) und auch von den regionalen Unterschieden. Alles sehr strukturiert und sauber gegliedert, hervorragend zum Lesen wie auch zum späteren Nachschauen. Einzelne Fakten wiederholen sich auch mal aus verschiedenen Perspektiven, aber diese Redundanz tut der Sache eher gut.
Das Buch ist nicht eben im Plauderton oder eine Reportage, aber es ist gut verständlich, ohne unnötigen Fachjargon oder trockene Darstellung. Auf dem eigentlich schmalen Raum von gut 150 Seiten hat man nicht nur eine Unmenge von Informationen gut zugänglich verpackt, sondern auch einen fast schon vorbildlichen Satz an Begleitmaterial: interessanter und kommentierter Bildteil, Glossar, Biblio- und Diskographie, Serviceteil mit Adressen, Register (dieses dürfte noch umfassender sein) - und nicht zuletzt die CD mit 25 spannenden Musikbeispielen aus den unterschiedlichsten Bereichen, darunter Klänge, die man garantiert nie gehört hat. Und auch die Musikstücke sind wieder ausführlich erklärt und kommentiert.
Immer wieder stößt man bei der Lektüre auch auf überraschende Fakten. Wie etwa die Erklärung, warum manche afrikanischen Völker hohe Töne als männlich und tiefe als weiblich empfinden - gerade anders herum als der Rest der Welt. Oder wie eigentlich die Unterscheidung zwischen einer Röhren- und einer Rahmentrommel in Grenzfällen genau funktioniert. Und natürlich trifft man auf Musikinstrumente, von deren Existenz man nie auch nur geträumt hätte.
Das Buch macht Spaß: nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch die sorgfältige Bearbeitung. Sogar die Übersetzung ist gut, was bei französischen Titeln gar nicht so selbstverständlich ist... Fast nie klingt der Text "irgendwie französisch", sondern liest sich einfach glatt weg. Die verschachtelten Sätze, die der andere Rezensent rügt, habe ich nicht finden können - bestimmt geht es verschachtelter zu als in der Bild-Zeitung, aber schwierig oder schlecht formuliert ist hier nichts. Und klar: Wer nur mal schnell einen kurzen Einblick haben will, der greift besser nicht zu so einem Buch, sondern klickt mal auf Wikipedia. Wer es dann genauer wissen will, ist aber mit diesem Werk bestens bedient.
Warum nur vier Sterne und nicht fünf? Weil ich mir für ein ideales Buch noch weitere Aspekte gewünscht hätte, die mehr das "Innenleben" der Musik betreffen: Wie unterscheiden sich Rhythmik und Harmonik zwischen den verschiedenen afrikanischen Musiktraditionen und gegenüber der europäischen Musik? Ich schaue noch, ob mir das Literaturverzeichnis da weiterhilft.