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Jochen Hörischs Studie über Geld und Dichtung
In einem der weltweit erfolgreichsten Hollywood-Produkte gibt es eine ausserirdische Rasse von Händlern. Nicht zehn Gebote, sondern Hunderte von «Erwerbsregeln» sind das Fundament ihrer Gesellschaft. Einmal erklärt einer von ihnen: «Frieden ist gut fürs Geschäft.» Ein neben ihm stehender Mensch nickt: «Die siebenunddreissigste Erwerbsregel.» Der Ausserirdische schüttelt den Kopf. «Nein, die achtunddreissigste.» «Und die siebenunddreissigste?» fragt der Mensch überrascht. «Krieg ist gut fürs Geschäft!»
Kaum eine Kultur hat so ungeschminkt den Gelderwerb zur Grundlage wie die US-amerikanische. Dass sie sich in einem ihrer Produkte durchaus mit Leichtigkeit selbst karikiert, ist bei aller Trivialität bemerkenswert. Das Verhältnis zwischen Kulturellem und Monetärem ist, seit es Geld gibt, hoch problematisch. In seiner Studie «Kopf oder Zahl Die Poesie des Geldes» untersucht der Mannheimer Professor für Neuere Germanistik Jochen Hörisch die Affinitäten und Differenzen zwischen Geld und Dichtung. «Schöne Literatur», stellt er fest, «ist stets von dem Verdacht umgeben, funktional überflüssig zu sein.» Damit scheint sie im krassen Widerspruch zum Medium Geld zu stehen, das, glaubt man dem Volksmund, die Welt regiert, keine Moral kennt und nichts ist als reine Funktionalität.
Aber Geld muss gedeckt sein. Hörisch zeigt, dass sich eine zureichende Deckung des Geldes keineswegs allein über üppige Goldreserven finanztechnisch installieren lässt. In einer schönen Analyse der Texte und der Zeichensymbolik auf Geldscheinen In God we trust weist er nach, was auf den ersten Blick unmöglich scheint: «Beide, das poetisch beschriebene wie das staatlich bedruckte Papier, haben mehr Gemeinsamkeiten, als ihren Verfassern lieb sein dürfte.»
Eines der ältesten literarischen Themen ist die Zeitlichkeit der Existenz. Ob in Shakespeares Sonetten, Rilkes Lyrik oder in Fausts Ausruf: Verweile doch! überall findet sich die Klage über die Knappheit des Gutes Zeit. Die Moderne hingegen scheint das Problem der Zeitlichkeit auf eine wundersame Weise gelöst zu haben: Time is money. «Weil Zeit und Geld die Werte schlechthin sind, kann knappes Geld knappe Zeit konterkarieren.» Und literarisch geradezu omnipräsent ist der Gegensatz zwischen Geld und Liebe. Hörisch weist an Texten aller Epochen nach: wo immer über Liebe geredet wird, ist das Geld nicht weit. Dabei ist Geld selbst von einer Geschlechtslosigkeit, die sogar der Kirche unheimlich war. Sie bekämpfte theologisch die gleichsam homosexuelle Vermehrung des Geldes durch Zinsen.
Um die Ursachen solch merkwürdiger Hasslieben aufzuspüren, greift Hörisch weit zurück: «Heidegger hat, Nietzsche folgend, den Übergang von der vorsokratischen Weisheit zum Sokratismus als Beginn der Seinsvergessenheit ausgewiesen. Die ontologische Differenz von Sein und Seiendem lässt sich präzis waren- und geldtheoretisch übersetzen.» Während vormals die Sprache das einzige Medium war, die Dinge in Relation zueinander zu setzen, werden sie in der Folge als (monetär) bewertbare wahrgenommen. Der alphabetische Code wird zunehmend vom numerischen verdrängt. «Die neue Einheitssprache nach der babylonischen Sprachverwirrung ist der international gültige Code des Geldes.»
Jochen Hörischs Untersuchung ist stringent, überaus klug und nicht zuletzt spannend, weil sie den Bogen vom Beginn der abendländischen Geistesgeschichte zu einer postmonetären, medial codierten Ära schlägt. Es mag sein, dass sowohl Krieg als auch Frieden gut fürs Geschäft sind; aber noch besser fürs Geschäft ist es, wenn die Menschen auf der ganzen Welt Star Trek kennen. Die audiovisuelle Zukunft aus Bild- und Informationsfluten, Internet-Anarchie, Echtzeit-Perfektionismus und vierundzwanzigstündiger Spass-Simulation harrt noch einer tiefgreifenden Analyse ohne Berührungsängste in welche Richtung auch immer. Jochen Hörisch hat bereits eine weitere Untersuchung angekündigt: «Die Poesie der Medien.» Man darf gespannt sein.
Ulrich Woelk
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