Aus der Amazon.de-Redaktion
- "Meine Kunst ist alles andere als richtungsweisend, ich will, dass man sich wieder in den tausend Labyrinthen verliert."
So wie die Kinder der ersten Immigranten-Generation, so wie Feridun Zaimoglu, der in seinem Buch Kopf und Kragen. Kanak-Kultur-Kompendium lustvoll zwischen den Fronten tanzt und diese dabei allmählich aufweicht. Obiges Zitat könnte ihm dabei als Leitmotiv dienen, doch warum legt er es dann einem so zweifelhaften Charakter wie Herrn Tarntürk in den Mund? In fiktiven Interviews mit mehr oder weniger exzentrischen Zeitgenossen -- etwa dem Popautor Tassilo von Talkau-Marl oder einem Bundesautobahn-Raststätten-WC-Pfleger und -Aufseher -- und in kurzen Glossen wird Kultur- und Gesellschaftskritik in kleinen, süß-sauren Häppchen serviert.
Natürlich kriegen da die "zwischen Mittelstandsnarkose und Witzischkeit" taumelnden Mehrheits-Alemannen ihr Fett weg. Doch Zaimoglu hat auch erkannt, "dass die Konfliktlinien nicht zwischen den Kulturblöcken, sondern vor allem innerhalb der Kulturkreise verlaufen." Und das beweist er uns mit Momentaufnahmen aus der neuen Berliner Bohème ("Kunst oder gar nicht!") genauso wie mit einem komödiantischen Dialog zwischen zwei Deutschtürken, die beim Vaseline-Kauf in ungeahnte Schwulitäten geraten.
Was die hier versammelten Texte neben dem unverwechselbaren Zaimoglu-Sound gemeinsam haben, ist vielleicht das: Es geht um Randständige, um Grenzgänger, die zwar irgendwie, irgendwo dazugehören wollen, aber bloß nicht zur Neuen Mitte. Ihre "doppelgleisige Lebenssituation" wird weder multikultimäßig schön geredet, noch als unerträgliche Heimatlosigkeit bejammert, stattdessen wird heilsame Verwirrung gestiftet. Eine Zumutung und kein geringes Verdienst! --Patrick Fischer
Kurzbeschreibung
»Ich bin bekannt dafür keine verschnarchten Kulturleistungen zu bringen.«
Feridun Zaimoglu
Über den Autor
Auszug aus Kopf und Kragen. Kanak- Kultur- Kompendium. von Feridun Zaimoglu. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Was sitzt denn da für'n scheues Zicklein und schaut auf ihre spitzen Knie, was die man durchglimmen durchs Perlweiß der Nylonstrümpfe? Ich würd' doch glatt vor Gott, dem Herrn, 'ne schwer korrekte Ehre einlegen, wenn ihr die Zermürbung weghexen täte, inner Kongofiebernacht, wo ich ihr'n Superkörper mit 'ner Mund voll Expressküssen entflamm, dass sie sich biegt wie'n Schilfrohr im Wind. O Frau, du hast inner Liebe noch kein' Mann erlebt, dich hat nur's Kalte berührt. Da kannste noch so munter mit'm flinken Lidstrich 's Schroffe vonnen Augen putzen, ich erkenn' dir deine Pupillen. Aber wenn ich dich so anseh' krieg ich'n Gefühl für deine Priorität, du machst es nicht unter 'ner Sargklasse, du glühst nur für so 'ne Nulpenknaben mit 'ner glänzenden Pelle, du hälst Händchen mit Make-up-Buben, die da man face protector und Nachtcremechen und Bartstoppeldünger inner Visage klatschen. Dir deine Tendenz gibt dir ein, dass du dich befühlen lässt, an dir deine stringtanga nur von so 'ne Rasierwasser-Klumpen, und ich bin nach dir deiner Tendenz nur'n Spanferkelhasser, der aus gammeligen Steckrüben kompostiert ist. Auf deiner bekackten Gästliste such' ich vergeblich nach mir meinen Namen. Du hast 'ne fette Irreleitung in dein' Geschmack eingebaut, dabei bin ich 's neue Profil, nach dem du spähst innem grellen Discoglimmer oder inner Schampuskaschemme. Was dich an Mann umschwärmt, is' keine schlaffe Kuhmilz wert. Schau mich an Frau, ich bin's, der schmucke Prinz, der Löwe aus Istanbul, der Gebieter über die Läuseeier und Hänger da draußen, ich bin dir deine Kraft und Herrlichkeit. Erst heut Morgen hab' ich mir die Hemdkragen über die Lederjackenaufschläge gestrichen, sodass mir die Türkenkresse aus'm Ausschnitt quillt, den so'n Brusthaar is' das erste Zeichen von 'nem Mann. Die schneeweißen Arier haben nicht 'ne volle Kraft im Leib, weil ihnen nix sprießt aus'm Brustkorb, die sind im Mannesalter so glatt wie bei ihrer scheiß Geburt, als sie aus Muttis Gedärm rausflutschten ins olle Leben. Erst heut Morgen hab' ich mir den Nackenspoiler innen Nacken gestriegelt, dass ich die Stirn frei hab' für' ne Widerstände des Tages. Und als ich vor'm Spiegel stand, sah ich 'n Haufen Männerglanz wie 'n Mond, wenn er zu 'ner Sichel abnimmt und von 'nem Nachthimmel auf die Schwarten der Feigen und der Mutigen scheint. Ich hab' heut Morgen vor'm Spiegel mir gesagt: Alter, geh hinaus inne weite Welt und schlag' dir' ne private Schneise ins scheiß Dickicht. Und jetzt steh ich hier zwischen all den Moorleichen, und du erkennst nicht die Spur, was in diesem Moment abgeht an Schicksalserotik. Es fallen 'ne Hand voll Locken über deine Augenbrauen, die machst du dir inner Herrgottsfrühe vor deiner Schminkkommode, das sehe ich dir an. Also wär mein erster Liebesakt, die jede Menge Lockenwickler zu schenken, in pink und zigeunerrot, in fliederviolett oder tigerfellgemustert. Und wenn dein Herz gescheit is', würd's nix mukschen gegen meine Liebesmüh, und wenn du mein Magnetismus erkennen tätest, würdest du mich in dir deine Jaderäume lassen, und ich würd' sogar jeden Morgen höchstpersönlich die Lockenwickler ins schöne blonde Haar spannen. Denn ich leb' nach 'm alten Protokoll der Liebe, und ich bin doch 'ne frische Haut, 'n taffer Jäger mit tausend Ködern.