Aus der Amazon.de-Redaktion
"Meine Kunst ist alles andere als richtungsweisend, ich will, dass man sich wieder in den tausend Labyrinthen verliert."
Moment mal, eben wurde doch noch die neue Unübersichtlichkeit beklagt, und jetzt soll Orientierungslosigkeit plötzlich Trumpf sein? Was aber ist, wenn man nie etwas anderes gekannt hat als das Mehrdeutige, das Unentschiedene? Wenn man sich von Anfang an zwischen den Stühlen, zwischen den Kulturen und den Sprachen befand?
So wie die Kinder der ersten Immigranten-Generation, so wie Feridun Zaimoglu, der in seinem Buch Kopf und Kragen. Kanak-Kultur-Kompendium lustvoll zwischen den Fronten tanzt und diese dabei allmählich aufweicht. Obiges Zitat könnte ihm dabei als Leitmotiv dienen, doch warum legt er es dann einem so zweifelhaften Charakter wie Herrn Tarntürk in den Mund? In fiktiven Interviews mit mehr oder weniger exzentrischen Zeitgenossen -- etwa dem Popautor Tassilo von Talkau-Marl oder einem Bundesautobahn-Raststätten-WC-Pfleger und -Aufseher -- und in kurzen Glossen wird Kultur- und Gesellschaftskritik in kleinen, süß-sauren Häppchen serviert.
Natürlich kriegen da die "zwischen Mittelstandsnarkose und Witzischkeit" taumelnden Mehrheits-Alemannen ihr Fett weg. Doch Zaimoglu hat auch erkannt, "dass die Konfliktlinien nicht zwischen den Kulturblöcken, sondern vor allem innerhalb der Kulturkreise verlaufen." Und das beweist er uns mit Momentaufnahmen aus der neuen Berliner Bohème ("Kunst oder gar nicht!") genauso wie mit einem komödiantischen Dialog zwischen zwei Deutschtürken, die beim Vaseline-Kauf in ungeahnte Schwulitäten geraten.
Was die hier versammelten Texte neben dem unverwechselbaren Zaimoglu-Sound gemeinsam haben, ist vielleicht das: Es geht um Randständige, um Grenzgänger, die zwar irgendwie, irgendwo dazugehören wollen, aber bloß nicht zur Neuen Mitte. Ihre "doppelgleisige Lebenssituation" wird weder multikultimäßig schön geredet, noch als unerträgliche Heimatlosigkeit bejammert, stattdessen wird heilsame Verwirrung gestiftet. Eine Zumutung und kein geringes Verdienst! --Patrick Fischer
Kurzbeschreibung
Feridun Zaimoglu, ein Rebell unter den Literaten, erobert literarisches Neuland: mit Reportagen, Erzählungen und frei erfundenen Interviews, in denen sich berühmte und kuriose Leute um Kopf und Kragen reden. Zaimoglu bringt die bizarren Schmuckstücke eines nicht ganz alltäglichen Lebens zum Leuchten und mischt ironisch Szene, Subkultur und große Welt.
»Ich bin bekannt dafür keine verschnarchten Kulturleistungen zu bringen.«
Feridun Zaimoglu