Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein gewagtes Experiment: Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow haben ihr Album
K.O.O.K. in die Hände von befreundeten Musikern, vornehmlich aus der Elektronik-Ecke, gegeben, um den Songs eine neue Dimension abzuringen. Gleich viermal wird "Let There Be Rock" in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt. Vieles wird dabei weggelassen, noch mehr gleich völlig neu angelegt. Die beiden Münchner DJs Dakar & Grinser zum Beispiel nahmen für ihre spacige Version sogar den Gesang neu auf. DJ DSL, der schon das "Liebeslied" der Absoluten Beginner remixte, macht aus der Hymne ein torkelnde Jazz-Nummer. Fever wiederum verfremden den Song bis zur Unkenntlichkeit, jagen die Vocals durch eine ganze Batterie von Verzerrern und Effektgeräten. Genrell gilt: Ähnlichkeiten mit den Originalen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Im besten Fall entstehen auf dieser Weise völlig eigenständige Songs, oft jedoch scheitern die angestrengten Neuauflagen an ihrem Kunstanspruch.
--Wolfgang Hertel Amazon.de
Hinter den K.O.O.K. Variationen verbergen sich dreizehn Neubearbeitungen und Remixe vom letzten Tocotronic-Album K.O.O.K. und andere Preziosen des Hamburger Schrammelgitarrentrios. Am auffälligsten ist sicherlich die Neufassung des alten Tocotronic-Heulers "Freiburg", der in der Bearbeitung des Münchners Martin Gretschmann alias "Console" (ich frage mich immer noch, warum sein eigener Elektro-Pop-Song "14 zero zero" kein Welthit geworden ist) in neuem Glanz erstrahlt. Das riecht nach Hit! Erkennt man hier das Original sehr schnell, so ist bei den anderen, meist recht abenteuerlichen Neubearbeitungen, der jeweilige Originaltrack nur schwer erkennbar oder erratbar.Verschiedene Menschen aus dem Electronic-Zirkel haben sich dabei Toco-Tracks wie "Das Geschenk", "Jackpot" oder "Let There Be Rock" angenommen. Eigen wie immer kommt das Rosenheimer Duo Funkstörung ("Morgen wird wie heute sein") daher, glamourös die Münchner Dandy-Elektriker Dakar & Grinser. Während Fever "Let There Be Rock" geradezu niedermetzelt und Christophe De Babalon "Das Unglück muss zurückgeschlagen werden" durchs Drum-And-Bass-Inferno jagt, laden Fischmob und Erobique den "Jackpot" pompös auf und führen Thomas & Dettinger den "Jackpot" im "KO Kompakt Mix" (zu dem man auch Bum-Bum-Mix sagen könnte) auf den Dancefloor. Ein echtes Highlight ist Tocotronics eigener Karibik-meets-Hamburg-Remix von "Tag ohne Schatten", an dem sich anscheinend, so das Info, Drummer Arne Zank abgearbeitet hat. Schöne Platte mit Remixen einer der wichtigsten deutschsprachigen Rockbands. --Thomas Bohnet
INTRO
Dieser Schritt wird die Massen spalten. Die Massen von introvertierten Rockfans und desorientierten Teenagern nämlich, die die Hamburger Knödelrock-Band Tocotronic mittlerweile hinter sich geschart hat. Früher wollten sie ja noch “Teil einer Jugendbewegung” sein - als sie aber irgendwann ihre eigene Jugendbewegung waren, haben sie’s nicht mehr gemocht. Immer nur als Rollenmodell die Befindlichkeiten ihrer Generation artikulieren, das war es nicht. Und weitergehen mußte es auch noch irgendwie. Also interessierten sich Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow, die Typen mit den asymmetrischen Wave-Scheiteln, für jene Musik, die ihre Fans eigentlich als Anti-Pol betrachten: nicht-handgemachte, computergenerierte nämlich. Und gaben Remixe ihrer aktuellen Platte “K.O.O.K.” bei Sequenzer-Benutzern in Auftrag - allerdings bei nicht ganz undenkbaren. So ist Michael Sauer / Mojo Club wegen Hamburg dabei. Turner war mal ein Mitbewohner Müllers. Console ist auch klar, wegen Freiburg. Peter Deimel war der Tontechniker des Albums. Und Tobias Thomas / Olaf Dettinger aus Köln sind auch introvertiert - nur im House eben. Das Ergebnis aber: ein großartiges Spektrum zwischen Disko und Wohnzimmer, das immer noch irgendwie rockt. Klar, die Texte sind dabei nur noch schmückendes Beiwerk zum Party-Hedonismus oder zur eskapistischen Home-Listening-Erfahrung. Und bis auf Wiens DJ DSL, der Lowtzow zum Jazz-Crooner umbaut, hat auch niemand sich getraut, die knarzige Männerstimme unangetastet zu lassen - zuviel Rock. Aber wahrscheinlich wollten sie genau das. Und ist es nicht das Beste, wenn man beides kann: Statements abgeben und sich auf der Tanzfläche locker machen? Nur ihre albernen Frisuren sind leider noch immer keiner geschmackvollen Schere zum Opfer gefallen. Ansonsten aber: Hochachtung für diesen Schritt - und jetzt nicht von nörgelnden Rock-Engstirnen ablenken lassen.
Florian Sievers / Intro - Musik & so
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