Bei "Sinfonia concertante" denken die meisten wohl direkt an Mozarts Werk KV 364. Vielleicht kennt der eine oder andere auch (das für meinen Geschmack fast schönere) Werk für Klarinette, Oboe, Horn, Fagott und Orchester KV 297b. Ansonsten ist die Sinfonia concertante eine eher weniger geläufige Form der klassischen Musik. Der Name klingt ein wenig nach nichts halbem und nichts ganzen - weder Symphonie noch Concerto. Dem Booklet, der hier zu besprechenden Dreifach-CD ist zu entnehmen, dass die Sinfonia Concertante ein "Nachfahre der barocken Gruppenkonzerte, der Concerti grossi und mehr noch der Concerti con molti stromenti" (S.7) ist und im wesentlichen für reisende Virtuosen geschrieben war und von diesen gleich selbst geschrieben wurde.
Wie bei den z.B. von Vivaldi durchaus bekannte Concerti con molti stromenti sind die Instrumentenkombinationen dabei z.T. höchst abenteuerlich. Höhepunkt diesbezüglich ist sicher die Sinfonia Concertante für Klavier, Mandoline, Trompete, Kontrabaß und kleines Orchester von Leopold Kozelbuch.
Auf dieser CD finden sich nun 10 Werke wie das oben bereits erwähnte Kozelbuchs. Es sind Aufnahmen des in den 60er Jahren vom Klarinettisten Dieter Klöcker gegründeten Consortium Classicum mit der Academy of St. Martin-in-the-fields unter Iona Brown. Klöcker hatte seine Orchesterkarriere kurz zuvor beendet und widmete sich mit seinen Kammermusikpartnern zunächst vornehmlich Bläserserenaden und Harmoniemusiken. Das Consortium Classicum wuchs um Streicher und einen Pianisten und widmete sich den Randgebieten des klassischen Repertoires Jenseits der Titanen Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert und Weber.
Kleinmeister werden die weniger prominenten Vertreter der Klassik ja manchmal etwas abschätzig tituliert. Das klingt nach Zweitligist und danach als seien jene im Grunde nicht der Rede wert. Doch die musikalische Welt wäre für meinen Geschmack durchaus ärmer ohne die Klarinettenkonzerte von Carl Stamitz und (mindestens) die zweite Symphonie von Carl Czerny, um nur zwei Namen in die Runde zu werfen. Und so empfinde ich auch die hier eingespielten Werke von Crussell, Schneider, Danzi, Ritter, Hoffmeister, Winter, Abel, dem erwähnten Konzelbuch und dem durchaus nicht unbekannten Iganz Pleyel als Bereicherung. Mögen sie den Tiefgang und die innere Dramaturgie von Mozarts KV 364 oder dem prinzipiell auch diesem Genre angehörenden Tripelkonzert Beethovens vielleicht nicht so vollständig erreichen, so sind es doch ganz herrlich unterhaltsame Stücke: herrlich melodisch, durch die vielen Soloinstrumente farben- und abwecklungsreich. Es macht ungeheuer großen Spaß, sich das anzuhören.
Die Stücke waren mir davor natürlich nicht geläufig, insofern vermag ich wenig über die Interpretation zu sagen. Die Leistung der Musiker ist sehr gut, ebenso die Klangqualität, wobei ich in beiden Bereichen auch leichte Schwächen sehe. Das Zusammenspiel ist bei der hier gewählten Musikform sicherlich überdurchschnittlich schwierig. Es gelingt meistens, aber nicht immer. Auch die Intonationssicherheit der Solisten liegt nicht immer bei hundert Prozent. Gerade der Klarinettist Dieter Klöcker erweist sich hier nicht immer als vollkommen sicher. Es klingt manchmal auf ein Art schräg, die sicher nicht sehr extrem ausgeprägt ist, die man im Zeitalter der Hochglanzproduktionen aber nicht mehr gewöhnt ist. Auch Werner Grohbholz (Violine) und Jürgen Kussmaul (Bratsche) offenbaren beim Werk von Georg Abraham Schneider manchmal leichte Unsicherheiten, insbesondere in höheren Lagen.
Doch sind diese erwähnten Kritikpunkte aus meiner Sicht Marginalien, über die zumindest ich bei nahezu allen Sätzen problemlos hinweghören kann und inwieweit es sich um aufnahme- oder doch spieltechnische Schwächen handelt vermag ich nicht zu sagen. Ich finde, dass dies alles nicht sehr ins Gewicht fällt und das Gesamtklangbild dadurch, dass es nicht die manchmal unheimliche Präzision heutiger CD-Produktionen mit ihren hunderten von Takes und der intensiven Nachbearbeitung ausstrahlt zusätzlich Charme gewinnt. Bitte verstehen sie das letztgesagte nicht als Arbeitszeugnis- oder Wohnungsanzeigenrhetorik. Mein Hauptempfinden beim Hören war wirklich tiefster Musikgenuss und ich kann diese Dreifach-CD wirklich nur wärmstens denjenigen ans Herz liegen, die verspielte, melodische, klassische Musik und den Klang prominent plazierter Blasinstrumente (und nicht nur dieser) ebenso mögen wie ich.