Schon seit Jahren florieren kulturwissenschaftliche Ansätze und bevölkern die verschiedensten Disziplinen. Kein Wunder also, daß nun in kurzem Abstand immer wieder Einführungsbücher auf den Markt geworfen werden, von denen sich der aufgeschlossene Leser eine Vermittlungsfunktion und Hilfestellung auf dem Weg zum Theoriedickicht erwartet. Neben anderen Anthologien ist nun auch das von Ansgar Nünning herausgegebene Handbuch erschienen. Seiner Einleitung schließen sich 15 Kapitel zu kulturwissenschaftlichen Themen wie „Kultursemiotik", „-anthropologie", „New Historicism", „Kollektives Gedächtnis" und „"Kulturökologie" an, ehe Siegfried J. Schmidts Artikel zu einer noch ausbaufähigen „Medienkulturwissenschaft" den Abschluß bildet.
Alle Texte geben sich einen didaktischen Anschein, indem zentrale Begriffe fett markiert werden und viele Unterkapitel für eine Strukturierung sorgen, ehe jeweils eine Auswahlbibliographie erstellt wird.
Wie stets in solchen Fällen lebt auch dieser Band von der fachlichen und sprachlichen Qualität der Einzelbeiträge, und hier kommt es zu einem drastischen Gefälle zwischen jenen AutorInnen, die sich um Anschaulichkeit und Einführung in ihr Gebiet bemühen, sowie den um solche Serviceleistungen völlig unbesorgten Verfassern kryptischer Elaborate, die zwar jahrelange Denkvorgänge erkennen lassen, vom Zweck des Unternehmens jedoch völlig abgehoben sind. Letztere halten sich gern auf gewissen Meta-Ebenen auf, schleudern dem Lesepublikum Begriff auf Begriff um die Ohren, ohne sich weiter darauf einzulassen. Vielfach werden die Fachtermini auch nur für einen Absatz benötigt und dann durch das nächste Plastikwort verdrängt. Wo man sich genauere Aufklärung erhoffen würde, wird lieber eine Floskel wie „normativ überhöht" eingebaut; wo es darum ginge, ein Konzept kritisch zu durchleuchten, genügt der bloße Hinweis auf die Existenz „paraverbaler Faktoren". Den Tiefpunkt markiert das Schmidtsche Schlußkapitel, bei dem man zunehmend den Eindruck gewinnt, der Verfasser sei sich selbst nicht im klaren darüber, was er eigentlich vorbringen wolle. Immerhin steuert er den schönen Ausdruck „Layout einer Medienkulturwissenschaft" bei, mit dem man in Diskussionsrunden Eindruck schinden kann.
Die Lektüre der übrigen Texte führt im Detail durchaus zu interessanten Erkenntnissen, doch fehlt den meisten Autorinnen und Autoren schlichtweg die Fähigkeit, ihre stark komprimierte Darstellung hinreichend zu vereinfachen. Hier hätte der Herausgeber stärker eingreifen müssen, war aber doch zu sehr mit seinem eigenen Einführungstext beschäftigt: Nach einem Rundblick über den Stand der Diskussion kündigt er im Sinne der Einwandvorwegnahme gleich mehrfach an, was das vorliegende Buch NICHT leisten will. Leider werden aber auch die anvisierten Ziele nur punktuell erreicht, und am Ende der Buchlektüre fühlt man sich, als sei man mit einem Dutzend Brühwürfeln gefüttert worden. Wieder einmal hat sich die akademische Forschung einen Bärendienst erwiesen und in ihrer beständigen Furcht vor „Unterkomplexität" erschreckend leblos formulierte, ohne einen Funken Begeisterung verfaßte Texte zusammengefügt, deren Lektüre man sich gut und gern ersparen kann.