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Kontingenz, Ironie und Solidarität
  
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Kontingenz, Ironie und Solidarität [Gebundene Ausgabe]

Richard Rorty
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 323 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp (1989)
  • ISBN-10: 3518580124
  • ISBN-13: 978-3518580127
  • Größe und/oder Gewicht: 19,8 x 12,8 x 3,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.330.605 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)


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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von kpoac TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Richard Rorty (1931-2007) ist amerikanischer Wissenschaftler für Literatur und Philosophie. Er ist ein Vertreter des Pragmatismus' (von Dewey und James geprägt) und einer der radikalsten antimetaphysischen Denker unserer Zeit. Pragmatismus steht für ihn generell für den Vorrang von Praxis vor rein theoretischen Überlegungen. Allen pragmatischen Ansätzen gemeinsam ist der Versuch einer Absage an die Metaphysik, einer Vermittlung von Theorie und Praxis, Erkenntnis und Interesse. "Sprache hat die Macht, neue und andere Dinge möglich und wichtig zu machen" und so vereint er in diesem Buch Literatur und Philosophie brillant in eine Gesellschaftskonstruktion, die das Ich als Selbsterschaffung in die Verbindung bringt mit der liberalen Ironie der Ich-Identifikation, die jedoch noch hinreichend solidarisch ist mit der Gesellschaft und ihren Formen.

Ausgehend von einer klaren Gegenposition gegenüber der bisherigen Philosophie der Moral, einer Moral, die nach Kant und Platon oberhalb einer Gesellschaft und ihrer Mitglieder als anzustrebender Fixstern im Sinne einer Metaphysik angeordnet ist, geht Rorty von einer Moral des Ichs aus, dessen Ziel es ist, sich in den Gegebenheiten der Kontingenz selbst zu definieren und damit alle Metaphysik aufzugeben. Kontingent ist daher alles, was da ist, nicht verfügbar und nicht beeinflussbar. Es ist heute, kann aber morgen nicht gelten und in diesem Sinne ist Wahrheit innerhalb der Interdependenzen von Ich und Gesellschaft keine idealistische, rein Vernunft geleitete Struktur mehr, sondern eine pragmatische Gegebenheit, die es im Gespräch, durch Sprache und ihrem Vokabular neu, aktuell und Konsens fördernd und bildend zu erringen gilt. Wahrheit ist damit fluide in Abhängigkeit zur Person, sie gilt nicht als etwas, was ein außen definiert, sondern sie manifestiert sich im Inneren. "Wahrheit beginnt zu zweien" war der dialogische Ausdruck Karl Jaspers. Wenn alles so ist und auch anders sein könnte, gibt es kein einfaches Wahr oder Falsch, sondern nur bessere oder schlechtere d.h. brauchbarere und weniger brauchbare Beschreibungen dieser Welt und in dieser offenen Architektur zeigt sich Rorty's Theorie in einer gewissen Beliebigkeit.

Dieses bedarf einer gewissen Ironie, verstanden als liberale Ironie. Rorty meint damit eine (individuelle) Haltung von immer mehr Menschen in der westlichen Welt, die darin besteht, sich selbst und seine Überzeugungen nicht allzusehr ernst zu nehmen, und zwar eben deshalb, weil man die Kontingenz der Sprache und der Welt erkannt hat und deshalb nicht ausschließt, dass das "abschließende Vokabular", in dem man seine eigenen Überzeugungen formuliert, in Zukunft über den Haufen geworfen wird.

Solidarität als dritter zentraler Begriff hat eine Erklärungsfunktion, gleich einer Rettung dieses Theoriekontrukts. Solidarität besagt, dass ein Gemeinwesen, das aus immer mehr ironischen Menschen besteht, die sich selber nicht völlig ernst nehmen, nicht zerfallen muss, weil Ironie (im privaten Bereich, zoe) und Solidarität (auf der gesellschaftlichen Ebene, bios) neben einander bestehen werden.

Kritik oder Zweifel an der Durchgängigkeit dieser Theorie zeigen zwei Themen: einmal ist es die Beliebigkeit der Kontingenz, die Handeln nicht mehr teleologisch moralisch bewertet, sondern subjektiv, individualistischen Prämissen unterstellt. Zum Zweiten ist dort, wo Rorty das Individuum als maßgeblich Handelnden zur eigenen Ich-Findung, Selbsterschaffung hochhält, die Idee des "Wir" im Sinne der "liberalen Ironie" widersprüchlich. Dieser Hang zur Gruppenzugehörigkeit ist doch wieder nicht mehr als eine Unterordnung unter ein leitendes Prinzip der Metaphysiker.

Aber es zeigt sich vielleicht auch nur, dass Rorty in seiner Meinung und versuchten Stringenz der Gedanken der postulierten Kontingenz verfallen ist. Ironie des Schicksals könnte man meinen oder es ist ein gewinnbringender Ansatz zum "positionellen Pluralismus" (Härle)

Fazit:
Rorty als Literaturwissenschaftler auf den Spuren von Harold Bloom, Kant, Hegel, Nietzsche, Freud und sonstigen Größen der Literatur ist grandios, aber auch die Spurensuche in der neuen Philosophie Foucaults und Habermas' ist eine Wonne zu lesen. Diese umfängliche, Grenzen überschreitende Betrachtungsweise von Philosophie und Literatur ist eine Wucht und gewinnbringend, insbesondere in den Kapiteln über Kontingenz und Selbst, Sprache und Gesellschaft, eine vielfältige, an sich schon kontingente Betrachtung mit dem Vermittler Rorty. Insgesamt ergänzt Rorty die Sicht auf diese Welt um eine Poesie starker Dichter wie Nabokov und Orwell.
++
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Fuchs Werner Dr #1 HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Schön, dass der Suhrkamp Verlag diesem wichtigen Werk des am 8. Juni 2007 verstorbenen Philosophen Richard McKay Rorty eine Neuauflage gönnt. Denn seit er sich nicht mehr persönlich zur Wehr setzen kann, werden seine Person und sein Werk noch mehr von Leuten vereinnahmt, die lieber auf Sekundärquellen setzen, als Originale zu lesen. Und bei Rorty betrifft das "Denker" aus dem linken und rechten Lager gleichermaßen. Das mag auch daran liegen, dass Rorty metaphysischen Kopfgeburten geschliffene Absagen erteilt und daher als sperriger Anhänger des amerikanischen Pragmatismus gilt.

In diesem Buch finden sich viele seiner Überlegungen früherer Werke wieder, so dass es durchaus als Einstieg in sein Denken dienen kann. Zu den Vorwürfen seiner Kritiker gehört die Behauptung, Rorty widerspreche sich allzu oft in seinen Werken, um einen Platz im Philosophen-Olymp beanspruchen zu dürfen. Das ist natürlich Unsinn, kümmerte aber den Angegriffenen selber nicht allzu sehr. Zumal seine Gegner mit der Methode arbeiten, einzelne Sätze aus dem Kontext herauszugreifen und miteinander zu vergleichen. Bei Rorty ist dieses Vorgehen besonders einfach, da zum seinem humorvollen Stil auch gehört, gezielt Plakatives stehen zu lassen, wenn dies dem Erkenntnisgewinn dient. So lesen wir im vierten Kapitel zum Beispiel den Satz "Das Gegenteil von Ironie ist gesunder Menschenverstand." Doch wer sich die Mühe nimmt, Rortys Ironiebegriff wirklich entdecken zu wollen, wird solche Formulierungen bestens einordnen und verstehen können.

Rorty spricht von der Ironikerin, um sich von traditionellen Ironie-Theorien klar abzugrenzen, auch von Kant und Platon. Daher beginnt das Buch, dem zwei Vorlesungsreihen zugrunde liegen, auch mit den Ausführungen zur Kontingenz von Sprache, Selbst und Gemeinwesen, wobei der Begriff Kontingenz in einem Bedeutungsfeld oszilliert, das immer wieder neu erschlossen werden muss. Zumal seine häufige Verwendung bei Niklas Luhman die Sache nicht einfacher macht. Aber die Luhmann'sche Definition sei hier trotzdem wiedergegeben: "Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (zu Erfahrendes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen."

Die Ironikerin im Sinne Rortys hängt also gerade nicht an Wahrheiten, noch glaubt sie an solche. Der Einsatz von Ironie zur Erschaffung des Selbst ist nicht ganz ohne Risiko, dient sie doch auch dazu, Enttäuschungen zu vermeiden. Wer sich selber und die Welt zu ernst nimmt, ist diesem Risiko also mehr ausgesetzt. Sich mit der Lektüre dieses Buches intensiver mit dem Ironiebegriff von Rorty zu beschäftigen, lohnt sich auch deshalb weil er 1982 seinen Lehrstuhl für Philosophie aufgab und eine Berufung als Professor für vergleichende Literaturwissenschaften an der Stanford University annahm. Grund für den Wechsel: die dauernden Angriffe von Vertretern der Analytischen Philosophie. Dass Rorty mit seinem Bildungsrucksack und seinen Persönlichkeitseigenschaften auch absolut Lesenswertes zur Solidarität zu sagen hat, versteht sich von selbst.

Mein Fazit: Klar eines der Bücher, das alle lesen sollten, die sich für Brückenbauten zwischen Philosophie und Literatur begeistern können, Argumente gegen eine auf Kant beruhende Erkenntnisphilosophie suchen und einen großen Denker mit einem Originaltext kennen lernen wollen.
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21 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Es reicht eigentlich, sich die englischen online Rezensions-Debatten anzugucken, dann weiß man schon so ungefähr, was einen erwartet: (alte) Philosophie gegen (neue?) Literaturwissenschaft, bei Rorty ein durchaus nicht trockenes Thema. Er räumt tatkräftig mit einigen der alteingesessenen philosophischen Problemen auf (was ihm die Philosophen natürlich verübeln, was hätten sie sonst zu tun?) und entwirft schwungvolle neue Ansätze zum Stöbern und Nachdenken (die Literaturwissenschaftler sind komischerweise begeistert und müssen sich deswegen ihr Laientum und oh solche Ignoranz von ganz, ganz oben vorwerfen lassen!). Rorty stellt die liberale Ironikerin vor, deren Hauptanliegen ist, Grausamkeit aller Art zu vermeiden und dabei trotzdem noch ein bißchen Humor zu wahren - und mit Verlaub, von den sonst so gängigen philosophischen Debatten fühlt man sich schließlich so manches Mal genötigt, sich selbst vor den Kopf zu schlagen... Also volle Punktzahl für Rorty!
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