400 Seiten umfasst das Buch von Franz Jalics zum Thema Kontemplative Exerzitien. Und es enthält die Quintessenz jahrzehntelanger Exerzitienarbeit eines Jesuiten in großer Klarheit.
Ich selbst habe mich als evangelischer Christ diesem Thema genähert und das Buch von Jalics nicht nur gelesen sondern auch mit einer Gruppe eine Woche lang durchlebt.
Die Einleitung von Jalics zum Thema umfasst gerade einmal 20 Seiten. Allein darin wird deutlich, dass er keine Abhandlung über Exerzitien schreibt, sondern sein Buch als praktische Übungsbuch ersteht (S. 18).
Jalics wagt ein ' wie er selbst beschreibt ' fast unmögliches Vorhaben: 'dieses Buch möchte den Exerzitienmeister ersetzen' (S. 19)
Das Buch von Jalics ist explizit für Menschen, die keine Möglichkeit haben, kontemplative Exerzitien zu machen, oder auch Priester die ihre Exerzitien allein machen. Dieses Buch ist in jedem Falle ein Leitfaden, nicht nur für die, die sich einen stillen Ort suchen, um dort die Exerzitien zu machen sondern auch für jene, die im Alltag ' wenn auch zeitlich in geringerem Umfang Exerzitien einüben wollen.
Auf Seite 24 geht er noch einmal auf seine Zielgruppe ein: '... dasss ich beim Schreiben dieses Buches an erster Stelle diese Verkündiger des Evangeliums vor Augen hatte'.
Jalics schreibt kein Buch allein zum Lesen, es ist durch und durch ein Buch das zur Einübung drängt!
Der Weg der Exerzitien soll weg vom Denken und Handeln hin zur Wahrnehmung führen mit dem Ziel sich einzig und allein auf Gott auszurichten.
Zu Beginn der ersten Tageseinheiten findet sich eine 4-Teilung:
1. eine Ansprache, die ein Thema behandelt, das eine Einsicht in den Sinn der Exerzitien gibt.
2. Eine Anweisung zur Mediation (bis Tag 6)
3. Gespräche ' typische Dialoge zwischen Exerzitienmeister und TeilnehmerInnen, die allerdings anomymisiert und gekürzt wiedergegeben werden.
4. Ein kurzer Gedanke zum Übergang zur nächsten Zeit.
Der Aufbau der Exerzitientage lässt sich kurz abreißen:
Tag 1 ' Wahrnehmung in der Natur. Einen Tag nach Einführung im freien verbringen und sich allein auf die Wahrnehmung konzentrieren ohne zu Denken
Tag 2: Wahrnehmung der eigenen Atmung mit sehr genauen Schritten von Nase bis Lunge und Unterbauch. Die Übung soll achtmal wiederholt werden.
Tag 3: Einübung der gefalteten Hände vor dem Körper als Kraft- und Sammlungserfahrung in 8 Durchläufen a 20 Minuten. Und bewusste Hingabe der Zeit hin zu Gott.
Tag 4: Wiederholung von Tag 3 nun aber achtmal 30 Minuten.
Tag 5: wie Tage zuvor aber beim Ausatmen mit Sprechen des Wortes 'Ja'
Tag 6: wie zuvor aber mit Aussprechen des Wortes 'Maria' oder 'Muttergottes.
Tag 7: wie zuvor, aber ab jetzt beim Ausatmen mit dem Wort 'Jesus' beim Einatmen 'Christus'.
Tage 8 bis 10 wie zuvor.
Die Tage sollen schweigend erlebt werden, ohne Lesen, Fernsehen, Telefonieren, Basteln oder ähnlichem mehr. Neben den fünf Stunden Exerzitien ist eine Stunde Gottesdienst/Eucharistiefeier vorgesehen.
Jalics schreibt sehr klar und präzise, man merkt ihm die jahrzehntelange Praxis deutlich an. Seine Ansprachen sind zum großen Teil sehr gehaltvoll und ein tiefer Gewinn.
Ein einziges Manko in diesem Buch sei aber auch genannt: wer mit diesem Buch als Grundlage gemeinsam mit einer Gruppe Exerzitien einübt, erhält in diesem Buch wenig Hinweise für den Rahmen und die möglichen Schwierigkeiten, die sich ereignen können in der Personen- und Gruppendynamik. Ich selbst habe die Exerzitien-Woche nach mehr als 20 Jahren aktiver Arbeit als Pastor und vieljähriger Arbeit mit intensiven Selbsterfahrungsarbeit durchgeführt und war dennoch erstaunt, wieviel innere Prozesse selbst bei Gruppengeübten und Selbsterfahrungsgeübten TeilnehmerInnen aufbrachen und viel Zeit und auch Mühe kosteten, um die Gruppe gut beieinander zu halten.
Der Prozess der kontemplativen Exerzitien hat eine unglaubliche Tiefe und Dynamik!!!
Und Franz Jalics hat um so mehr meinen Respekt und meine Achtung für seine Arbeit und für dieses Buch!