Der Radikale Konstruktivismus (RK) ist eine Erkenntnistheorie, die die Pädagogik in erheblichem Umfange beeinflusst hat. Die Kernaussage des radikalen Konstruktivismus besagt, dass eine Wahrnehmung niemals ein Abbild der Realität liefert. Das, was wir wahrnehmen ' ob als Eltern, Kinder, Lehrkräfte oder Bundeskanzler - ist immer eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung. Wir nehmen wohl mit den Augen und Ohren war. Aber was wir wahrnehmen, entsteht je individuell im Gehirn. Deshalb ist Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von wahrgenommenem (konstruiertem) Bild und Realität unmöglich; ausnahmslos jede Wahrnehmung ist im "radikalen" Sinne dieser Theorie subjektiv. Maßgeblich beeinflusst wurde die pädagogische Theorienbildung im Sinne des radikalen Konstruktivismus durch Glasersfeld (1996). Dazu beigetragen haben auch die populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen von Paul Watzlawick "Anleitung zum Unglücklichsein" und "Die erfundene Wirklichkeit", deren Lektüre auch heute noch auf amüsante Weise informativ ist. Diese Theorie ist wichtig, um allen Beteiligten rund um eine Eltern-Beschwerde deren subjektive Unbelastbarkeit immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Gleichwohl hat die radikale Theorienbildung des Konstruktivismus in der Folgezeit auch Nuancierungen erfahren, die das Ursprungskonzept erweitern und präzisieren. Der Mensch bildet als Beobachter die Welt nicht einfach ab, sondern konstruiert das, was er zu erkennen glaubt (Arnold & Siebert, 1995, S. 9), so verkürzt die Sichtweise des Konstruktivismus. Darüber hinaus und damit verschränkt handeln die Menschen als lebende Systeme autonom und selbstreferentiell, wie es in der Systemtheorie beschrieben wurde. Eine Relativierung des Konzeptes des radikalen Konstruktivismus findet sich bei Glasersfeld mit dem Konzept der 'Viabilität' (Glasersfeld 1996). Obwohl jeder nur seine eigene Wirklichkeit hat, können wir uns verständigen. Dies ist möglich, indem wir unsere Konstrukte mit anderen austauschen, bis keine 'Reibung' mehr zwischen unseren Konzepten besteht, sie also 'viabel' werden. Das ist natürlich so etwas wie 'interkulturelle Kommunikation'. Viable Konstruktionen sind also eine Schnittmenge zwischen Wirklichkeiten. Übertragen auf die Problematik der Beschwerde heißt dies, durch Dialog müssen die Maßnahmen, Aussagen, Handlungen von Schule und den Konstruktionen der Abnehmer viabel gemacht werden, d.h. es muss eine größtmögliche Schnittmenge hergestellt werden. In diesem Sinne ist das von mir beschriebene Vorgehen auch eine Lehr-Lernsituation ' also eine Situation der Erwachsenenbildung, deren theoretische Begründung Arnold und Sieber umfassend und äußerst präzise dargelegt haben. Das Buch war für mich sehr hilfreich.
Bernd Richter Diplom-Psychologe