Dieses Buch handelt vom Streiten, und zwar von
Streitlust. Was denken Sie, wenn Sie Streitlust lesen? Wahrscheinlich verbinden
Sie mit diesem Wort eher unangenehme Vorstellungen. Meistens mögen wir die
Menschen, die gern streiten, nicht besonders. Diese Meinung wird von einem zum
anderen weitergegeben. Das erzeugt Einverständnis, aber es handelt sich um ein
fragwürdiges Einverständnis.
Denn jeder weiß, dass alle Menschen streiten.
Meine Eltern wünschten sich zum Beispiel von uns Kindern, wenn wir ihnen eine
Freude machen wollten, einen "wolkenlosen Tag". Damit war gemeint, dass wir
nicht streiten sollten. Aber es war unvermeidlich. Geschwister, Freunde und
Freundinnen, Streitereien gab es immer wieder mit irgendjemandem. Später lernte
ich, mit Kollegen und Vorgesetzten sowie mit Ehe- und anderen Männern zu
streiten, meistens mit schlechtem Gewissen und mit Verletzungen und
Frustrationen aller Beteiligten. Wie viel besser wäre es doch, ohne Streit
miteinander auszukommen ...
Zum Glück fiel mir irgendwann auf, dass alle Menschen streiten. Sie tun es auf
sehr verschiedene Art: wortreich oder schweigend, strategisch oder
temperamentvoll, rechthaberisch oder hinterhältig und so weiter. Aber alle tun
es.
Wenn also alle Menschen streiten, dachte ich, dann muss etwas daran sehr wichtig
für die menschliche Entwicklung sein.
Wieso sollen wir ein schlechtes Gewissen haben wegen etwas, das alle tun und das
offenbar so wichtig ist? Andererseits tun wir es plump und verletzen uns und
andere dabei, weil wir es gar nicht richtig machen. Wie sollen wir etwas lernen
und üben, wenn wir zugleich denken, dass wir etwas Verpöntes betreiben?
Stellen Sie sich vor, man müsste sich beim Zähneputzen schämen. Niemand würde
Kindern zeigen, wie sie sich die Zähne putzen sollen. Innerhalb weniger
Jahrzehnte ist die richtige Zahnpflege im Bereich Gesundheitserziehung ein
unverzichtbares Thema geworden. Wir wissen heute, dass es sehr verschiedene,
auch ernährungsabhängige Methoden gibt, die Zähne zu putzen. Und was für ein
Sortiment an Hilfsmitteln wird angeboten, um das Zähneputzen zum Vergnügen zu
machen.
Das wünsche ich mir auch für die Streitlust, im Sinne der Verbesserung von
Konfliktintelligenz. Ich bin sicher, dass es viel gesünder ist, kreativ und
gewaltfrei zu streiten, als jeden Konflikt so lang als möglich zu leugnen, davon
abzulenken oder mit allen Mitteln zu harmonisieren. Zuallererst geht es um die
Veränderung der Einstellung zum Streiten. Nur wenn wir begreifen, dass Streiten
zur menschlichen Entwicklung gehört, werden wir unsere höchsten und besten
Streitkräfte einsetzen. Beobachten Sie sich bitte jetzt selbst. Was denken Sie,
wenn Sie "Einsetzen der Streitkräfte" lesen?
Merken Sie, wie einseitig wir diese Begriffe für Kampfmaßnahmen des Militärs
verwenden? Unsere Sprache und unser Denken sind von der Überzeugung besetzt,
dass Streiten mit Gewalt gleichzusetzen ist. Das muss sich ändern.
Streiten ermöglicht, sich selbst und andere besser kennen zu lernen,
Unterschiede und Ähnlichkeiten zu begreifen, Wünsche auszusprechen, Angst,
Sehnsucht und Glauben in Worte zu fassen. Denn alles, was wir verstehen wollen,
können wir nur festhalten, indem wir es benennen.
Dieses Buch handelt von meiner Beschäftigung mit dem Thema "Konflikt" und von
meinen Gedanken und Erfahrungen mit dem Streiten-Lernen. Die Stationen dieser
Reise sind in sieben Kapitel eingeteilt.
Erwarten Sie bitte nicht, konstruktives Streiten zu beherrschen, nachdem Sie
dieses Buch durchgelesen haben. Bestenfalls verändert sich Ihre Einstellung. Das
ist als Anfang schwer genug! Die eigene Intelligenz zu verbessern und
Gewohnheiten zu ändern, erfordert Disziplin im beharrlichen Üben.
Hier werden Sie Erklärungen und Denkanstöße, konkrete Aufgaben und Fragen zur
Selbstevaluation finden. Die Praxis der Umsetzung ist dann Ihre Verantwortung.
Die Übungen und Beispiele beziehen sich auf berufliche und private
Alltagssituationen. Konfliktintelligenz wird nicht ein- und ausgeschaltet wie
eine Maschine beim Verlassen des Arbeitsplatzes. Ob zu Hause oder in der Firma,
in der Freizeit, im Urlaub, überall gibt es Gelegenheiten für die Verbesserung
dieser Kompetenz.