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Der Aufstieg Englands zum Beispiel begann mit der Dampfmaschine; zuvor war es eine wirtschaftlich eher unbedeutende Nation. Das Technikland Deutschland profitierte von der Erfindung der Elektrizität, Russland von seinen Öl(=Energie)-Quellen, die USA als Land des Computers.
Kondratieffzyklen dauern 50 Jahre und länger. Ein Umbruch findet immer dann statt, wenn das Optimierungspotenzial einer vorherrschenden Entwicklung erschöpft ist. Laut Kondratieff hat dies immer damit zu tun, dass eine andere Entwicklung einen weiteren Fortschritt verhindert.
Beispiel Dampfmaschine: Ab einem gewissen Zeitpunkt gab es nicht genügend Menschen, um alle benötigten Waren zu produzieren. Erst die Maschinen ermöglichten mehr Wachstum. Der nächste Engpass war der Transport. Erst mit der Eisenbahn konnten auch entferntere Märkte erschlossen werden, usw.
Kaum mehr zu übersehen, befinden wir uns gerade wieder in einer Umbruchsituation. Die Produktivitätssteigerungen durch den Einsatz des Computers sind im Wesentlichen erreicht. Weiter können die Abläufe nicht optimiert werden, es sei denn .... die Menschen ändern ihr Verhalten im Umgang mit der Technik.
Denn obwohl wir faktisch in einer Informationsgesellschaft leben, ist der größte Engpass für eine weitere Entwicklung das noch durch das Industriezeitalter geprägte Denken und Informationsverhalten der Menschen.
Um den nächsten Sprung zu schaffen, ist ein kooperatives Miteinander notwendig, ein endloser Wissensdurst und ein völlig anderes Herangehen an Probleme. Es sind Menschen gefragt, die ein hohes (Fach-)Wissen mit anderen teilen können, und so zu neuen Entwicklungen beitragen. Entwicklungssprünge sind dann möglich, die - ähnlich wie die Dampfmaschine einst - wieder sämtliche Branchen verändern und weiterbringen können.
Die technologischen Voraussetzungen - frei zugängliche Informationen, weltweite Vernetzung und der schnelle Zugriff auf Fachwissen - ist vorhanden. Es wird allerdings noch dauern, bis es genügend geeignet ausgebildete Menschen gibt, die diese Potenziale nutzen.
Erik Händeler weist darauf hin, dass Gesellschaften keine Angst vor diesen Umbrüchen haben müssen. Denn die beschriebenen Produktivitätssteigerungen führen in der Regel nicht zu einer dauerhaften Massenarbeitslosigkeit. Sonst wären beim Wechsel von der Agrar- hin zur Industriegesellschaft Millionen von Menschen arbeitslos geblieben.
Das Beispiel zeigt aber auch, dass bei einschneidenden Umbrüchen die Menschen erst entsprechend ausgebildet werden müssen. Deshalb dauert es in der Regel ein bis zwei Generationen, bis das komplette Potenzial einer Entwicklung zum Tragen kommt. Gut dran sind natürlich Gesellschaften, die sich frühzeitig darauf vorbereiten bzw. die aus der Tradition heraus - wie viele asiatische Gesellschaften - in kooperativem Miteinander geübt sind.
Es könnte also sein, dass China nicht deshalb einer der nächsten Gewinner ist, weil dort die billigen Arbeitskräfte sind, sondern weil es der chinesischen Gesellschaft am schnellsten gelingt, in kooperativem Verhalten geübte Wissensarbeiter auszubilden.
Das ist nur ein Gedanke, der einem beim Lesen des Buches kommt. "Kondratieffs Welt" ist klar und verständlich geschrieben, bietet einen hervorragenden Einstieg in die Thesen eines unterschätzten Wirtschaftswissenschaftlers und ist definitv eine hilfreiche Vorbereitung auf zukünftiges Leben und Denken.
Über den Kondratieff Zyklus gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern und Abhandlungen, die sich mit den Theorien der langen Wellen mehr oder minder detailliert auseinander setzen.
Händelers Verdienst ist es, nicht nur die bereits abgelaufenen Wellen prägnant zu beschreiben, sondern vor allem den Blick auf den Zyklus zu richten, in dem wir alle die nächsten Jahre verbringen werden: den sechsten Kondratieff.
Mit der ihm eigenen pointierten Beschreibungsweise gelingt es ihm, die auf uns zu kommenden Änderungen plastisch zu verdeutlichen.
Im Gegensatz zu vielen theoretischen Abhandlungen über das Thema zeigt Händeler auf, durch welche konkreten Verhaltensweisen Produktivitätsbremsen reduziert werden können, wo verborgene Produktivitätsreserven liegen- und wo zukünftig "die Musik spielt".
Durch die aktuellen politischen Diskussionen und Entscheidungen werden seine Thesen glaubwürdig untermauert, Realität und sechster Kondratieff wachsen zusammen.
Seine Beispiele über Kommunikationsstrukturen, Hierarchie-Abbau, Grabenkämpfe in Unternehmen, Rechtfertigungsorgien und Statusgerangel entspringen nicht der Fantasie eines Journalisten, sondern sind täglich erlebte Realität in unseren Unternehmen.
Händeler provoziert auf angenehme Art und Weise. Er enttäuscht zwar alle, die in Fortschreibung der bisherigen Zyklen eine neue "Dampfmaschine" erwarten, mit der der erwartete Aufschwung sich automatisch einstellt. Dafür bietet er aber allen, die sich von den Gutachten und Prognosen der selbst ernannten „Wirtschaftsweisen" und der Wirtschaftstheoretiker nicht mehr tagesaktuell verwirren lassen möchten genügend Basismaterial, um selbst praxisnahe Schlüsse ziehen zu können. Händeler zeigt auf, dass vieles weniger kompliziert ist als es von Fachleuten dargestellt wird. Vor allem räumt er mit der in manchen parteipolitischen Ecken immer noch vorherrschenden Meinung auf, dass man nur an ein paar Stellschrauben drehen müsste und die Wirtschaft würde „wie geplant" funktionieren.
So wird auch seine Sicht auf die Wertigkeit von Aktienbesitz den einen oder anderen Depotinhaber zu einer neuen Betrachtungsweise seines Investments veranlassen.
Seine Schlussfolgerungen über die Renaissance des christlichen Glauben in einer zunehmend multikulturellen und multireligiösen globalisierten Welt der Zukunft werden zwar nicht jeden überzeugen, bieten aber einen interessanten Ansatz, sich mit dem Thema Ethik aus der Sicht unterschiedlicher Glaubensrichtungen auseinander zu setzen, ganz im Sinne der geforderten höheren Kommunikationskompetenz.
Skeptiker werden in einigen Jahren auf Händeler zurückblicken und sagen: „Der Mann hatte Recht".
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