Nun, nach knapp 50 Stunden Durchspielzeit, das Ergebnis. Es tut mir weh, dass es so viel besser hätte ausfallen können.
Als Teil einer Serie muss Suikoden Tierkreis sich natürlich an seinen Vorgängern messen. Da ich zu dieser gluckenhaften Suiko-Fangemeinde gehöre, die selbst dem schlechtesten Teil der Reihe noch versucht etwas Gutes abzugewinnen, fällt mir eine objektive Rezension sehr schwer. Mein erster Eindruck war, dass Konami der Reihe neuen Pfiff verleihen wollte, indem man einfach alles, was an Suikoden schon immer toll war, wegrationalisiert hat. Trotzdem, Versuch macht kluch. Ich werde so gut es geht die Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit den Brüdern von Tierkreis herausstellen.
Da wäre zunächst einmal das Setting zu nennen. Tierkreis spielt nicht in der Welt, in der alle bisherigen Ereignisse stattgefunden haben, sondern in einem Paralleluniversum bzw. mehreren davon. Hier findet sich auch gleich eine - wenn auch eher geringe - Schwäche des Spiels: Bekannte und beliebte Charaktere, die in Vorgängerteilen einmal oder öfter aufgetaucht sind (u. a. Jeane, Viki, Georg, Flik oder Yuber), bekommt der Spieler nicht zu sehen. Gut, ein bisschen Abwechslung kann nicht schaden, aber man sollte auch bedenken, dass es dieser Umstand war, der in puncto Suikoden IV schon einmal zu Unmut bei den Fans führte. Manche der Figuren aus Tierkreis sind mir inzwischen auch ans Herz gewachsen, aber echte herausragende Persönlichkeiten gibt es nicht.
Beim Gameplay kommen da schon eher nostalgische Gefühle auf, denn am Kampfsystem hat sich außer einer kleinen optischen Umstrukturierung nicht wirklich was geändert. Es gibt nach wie vor die Koop-Attacken, Magieangriffe (in den anderen Teilen Runen) und den Auto-Angriff.
Was - wo wir schon beim Kampf sind - wegfällt, sind die Strategiekämpfe und die Duelle. Schade, denn gerade diese kleinen Abwechslungen haben einen großen Teil des Charmes der anderen Spiele ausgemacht.
Apropos Runen: Diese waren bisher ein wichtiger Teil des Suikoden-Universums, mussten in Tierkreis aber den sogenannten Malen der Sterne weichen. Unschön, da der Kauf und das Ausrüsten von Runen die Charaktere flexibel einsetzbar machte, und die in Tierkreis zu erlernenden Fähigkeiten nicht mehr frei planbar sind.
Die Fortbewegung auf der Weltkarte funktioniert im Prinzip genau wie bei Suikoden Tactics, d. h. je nach Spielfortschritt werden auf der Karte neue Ziele freigeschaltet, die man dann nur noch "anklicken" muss. Es erscheint eine Benachrichtigung, wieviele Tage die Reise dauert und eine Bitte um Bestätigung.
Die verstreichende Zeit spielt in Tierkreis eine ganz ähnliche Rolle wie in Tactics. Bestimmte Missionen haben ein Zeitlimit, und die Rekrutierung mancher Charaktere (wie immer gilt es, 108 davon zu finden) hängt von der Jahreszeit ab. Man wird dabei aber nie wirklich unter Druck gesetzt.
In den Dungeons ist die Fortbewegung mühsam. In jedem anderen Teil der Reihe gab es einen Knopf, den man drücken konnte, um zu rennen (bei Teil IV und V funktionierte das besonders gut, man hat kaum mehr die Beine gesehen). In Tierkreis wurde das versäumt - der Held rennt zwar automatisch, aber eben im Schneckentempo, und als Ergebnis ist die Erkundung von Orten und Verliesen nur schleppend möglich.
Das Handelsstationen-System ist zurück, und wie immer lautet das Motto: hier billig einkaufen, dort teuer verkaufen. Prima, denkt ihr? Leider nicht, denn wo in den Vorgängerteilen der Einkaufspreis und der beim Verkauf entstehende Gewinn oder Verlust direkt und benutzerfreundlich angezeigt wurde, muss man sich bei Tierkreis Stift und Zettel danebenlegen. Als Ausgleich findet man nach Kämpfen erheblich öfter Materialien, deren einziger Zweck es ist, bei nächster Gelegenheit verschachert zu werden.
Waffenschmiede gibt es nicht mehr. Die Charaktere können praktisch jede Waffe ausrüsten, die im Laden zu kaufen ist, und die Art der Waffen entscheidet dabei darüber, in welcher Reihe man den Agreifer am besten positioniert (die alte "Bogenschützen nach hinten"-Geschichte). Das gleiche gilt für Rüstungen. Geht natürlich alles ins Geld, aber stets die beste Ausrüstung zu haben, zahlt sich am Ende eh nicht aus - siehe unten.
Besonders vermisse ich Minispiele. Zu den Rekruten gehört auch ein Glücksspieler, und ich hegte die kurze Hoffnung, dass ich würfeln, ziehen oder sonstwie zocken dürfte, aber weit gefehlt. Erinnert sich noch jemand an die tolle Mahjong-Variante aus Teil 4 (ich habe extra dafür ein Backupfile, damit ich's wieder und wieder spielen kann) oder an Chinchirorin? Wäre schön gewesen. So ist eure Nebenbeschäftigung nur, nach Rekruten zu suchen und die nicht handlungsrelevanten Missionen zu meistern. Kein echtes Vergnügen.
Steuern lässt das Spiel sich wahlweise mit dem Stylus oder mit Steuerkreuz und Knöpfen, ohne vorher einstellen zu müssen, welche Methode man bevorzugt - eine weise Entscheidung.
Der größte Unterschied zu den anderen Suikoden-Spielen ist die Wi-Fi-Option des DS, denn Tierkreis macht wie erwartet auch davon Gebrauch. Ihr könnt eure Charaktere in die weite Online-Welt schicken, wo andere Spieler Aufgaben für euch erledigen und die Charas mit neuen Fähigkeiten und Schätzen zu euch zurückschicken. Inwieweit das in der Praxis (Stichwort "Findet Mitspieler") funktioniert, bleibt abzuwarten. Nach mir braucht ihr jedenfalls nicht zu suchen.
Der handfeste, definitive Grund, warum Tierkreis von mir nur drei Sterne bekommt, ist die Story. Zugegeben, die Vorgängerteile boten in dieser Hinsicht nur wenig Abwechslung: Junger Mann (Waise, Halbwaise und/oder warte-nur-balde-Waise) wird aufgrund diverser Umstände in einen Krieg verwickelt, sammelt 108 Getreue um sich und rettet das Land. Teil III und Tactics mal ausgenommen. Aber dadurch, dass man immer wusste, was man kriegt, und der alte Brei immer wieder unterschiedlich aufbereitet wurde, konnte man auch beruhigt den neuesten Teil der Reihe erwerben.
Bei Tierkreis wurde scheinbar Wert darauf gelegt, die Handlung auch jüngeren Spielern und Nicht-Suiko-Veteranen nahebringen zu können. Das Ergebnis ist leider, dass man praktisch ununterbrochen vom (diesmal übrigens nicht stummen!) Helden zu hören bekommt, wie falsch oder böse es ist, was die Gegner da machen. Im Übrigen sind diese nur böse um des Böseseins willen - nach echten Motiven sucht man vergebens. Wer doch welche findet, schickt mir bitte eine Nachricht - ich back auch Kuchen.
Die Optik ist zugegebenermaßen eine der besten, die ich auf dem DS bisher gesehen habe, aber da das Gerät von vornherein keine Grafik-Granate ist, fällt dies leider nicht so ins Gewicht. Die Charakterdesigns und Anime-Zwischensequenzen sind sehr, sehr schön, wenn mir auch die ausgestalteten Knubbelköppe im Kampfbildschirm nicht so gefallen, aber das bleibt wohl Geschmacksache.
In die Hintergründe wurde echte Liebe investiert: Spiel mit Licht und Schatten, pittoreske Dörfer und Bewegung im Gebüsch machen viel Stimmung aus.
Was die Musik angeht, muss ich mich noch ein bisschen daran gewöhnen, aber das ging mir bei den Vorgängerteilen auch schon so - außer bei Teil II, da war einfach jedes Stück gut. Sagen wir mal, sie ist stimmig, aber unspektakulär.
Die amerikanische Sprachausgabe dagegen ist meiner Ansicht nach einfach nur misslungen. Zu hektisch wird da der Text heruntergeplappert, und die Stimmenauswahl verleiht den Charakteren nicht die geringste Tiefe. Bedauerlich, denn in Teil V zum Beispiel war die Synchronisation größtenteils gut.
Ach ja, und wenn ich noch EIN MAL diesen Standardsatz des Helden hören muss... Hat jemand gezählt? Ich kam auf 33mal, und ich habe erst damit angefangen, als es mich schon genervt hat.
Die deutsche Übersetzung ist erwartungsgemäß schlecht, und wer des Englischen mächtig ist, sollte sich die Enttäuschung ersparen und von Anfang an Englisch als Textsprache einstellen. Es werden keine schweren Wörter verwendet, versprochen.
Bleibt zuletzt noch der Schwierigkeitsgrad zu nennen, und hier komme ich nochmal auf den Punkt mit dem Ausrüstungskauf zurück. Es ist weder nötig, jeden eurer Leute mit den besten Waffen und Rüstungen auszustatten, noch dass ihr euch stundenlang irgendwo aufleveln müsst. Kurz und knapp, das Spiel ist pupseinfach. Für erfahrene Spieler sicher zu einfach.
Der niedrige Schwierigkeitsgrad und die simple Handlung machen das Spiel geeignet für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren. Wer noch nie ein Suikoden-Spiel in der Hand hatte, macht mit Tierkreis womöglich nichts falsch, denn losgelöst von seinen Verwandten betrachtet ist es immer noch eines der besseren Rollenspiele für den DS. Als Fan der Reihe war ich jedoch enttäuscht, und es bleibt mir nur zu wünschen, dass Konami beim nächsten Mal entweder das, was sie bei den Vorgängern richtig gemacht haben, für ein besseres Suikoden VI nutzen - oder das Potential, das Tierkreis birgt, besser ausschöpfen. Ansonsten, fürchte ich, wird die ohnehin schon nicht gigantische Fangemeinde weitere Ausrutscher nicht mehr verzeihen, und eine der schönsten Rollenspielreihen müsste zu Grabe getragen werden.