"Komplexitäten" von Sandra Mitchell befasst sich mit Systemtheorie. Es stellt die Behauptung auf, die Naturwissenschaften seien - anders als etwa die Humanwissenschaften - bislang einem reduktionistischen Forschungsparadigma gefolgt, um nun aber erkennen zu müssen, dass auch ihre Welt zu komplex für eine solch einseitige Vorgehensweise ist. Im Fokus des Buches stehen die Naturwissenschaften.
Im Laufe des Buches werden wesentliche Begriff der Systemtheorie vorgestellt und erläutert, z. B. Komplexität, Emergenz, Irreduzibilität, Unvorhersagbarkeit, Kontingenz.
Sandra Mitchells Aussage ist, dass sich nun auch die Naturwissenschaften von der Vorstellung trennen müssten, die Welt ließe sich durch einfache, ausnahmslos gültige Gesetze beschreiben. Sie wirbt stattdessen für einen "integrativen" Theorienpluralismus. Sie macht dies u. a. an der Hamiltonschen Theorie der Verwandtenselektion deutlich, die im Rahmen der Evolutionstheorie eine wichtige Rolle spielt. Mitchell zeigt, dass diese die soziale Organisation von Feuerameisen sehr gut erklären kann, von Honigbienen aber schon nicht mehr. Honigbienen stellen folglich eine "Ausnahme der Regel" dar.
Das Buch ist insgesamt gut geschrieben und auch interessant, dennoch war ich am Ende leicht enttäuscht. Ich fragte mich, welche neuen Erkenntnisse sich aus dem Gesagten denn nun ergeben, außer dass die Welt komplexer bzw. kontingenter ist, als wir uns das vorstellen können bzw. uns lieb ist, und man somit ganz häufig gar nichts Genaues weiß und sagen kann.
Dies änderte sich erst nach der Lektüre von Merschs
Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem, worin die Darwinsche Evolutionstheorie in eine systemtheoretische "Systemische Evolutionstheorie" überführt wird, die maßgeblich auf emergenten Systemeigenschaften des Lebens (und von sich darauf bildenden höheren Systemebenen) aufbaut, und mit der Mersch nicht nur die biologische Evolution, sondern "alle" anderen Evolutionen auch noch erklären kann. Interessanterweise zitiert Mersch zwar fleißig aus Sandra Mitchells Buch, gleichzeitig hält er aber Hamiltons Theorie der Verwandtenselektion (und damit natürlich auch Dawkins Theorie der egoistischen Gene) für schlicht und ergreifend falsch.
Man sollte also weiterhin auf der Hut sein. Manche Kontingenzen werden wohl auch in Zukunft noch immer primär ein Indikator dafür sein, dass eine schlüssige Theorie für die beobachteten Phänomene bislang nicht gefunden wurde.