Trotz seinem bunten Einband - dies ist kein "coffee table book", sondern eine aktuelle Übersicht über die mitteleuropäische Vogelwelt mit vielen Informationen auf engem Raum, mit denen ein interessierter Laie etwas anfangen kann, und wahrscheinlich auch ein Profi, nicht zuletzt durch die zahlreichen Literaturhinweise. Farbige Fotos gibt es nur auf dem Umschlag, innen geht es einfarbig zu; die einzigen Illustrationen sind Verbreitungskarten. (Sie sind auf dem neuesten Stand, allerdings nicht genauer als in den meisten Feldführeren.) Zu jeder mitteleuropäischen Vogelart (einschließlich Durchzügler, Gefangenschaftsflüchtlinge und Irrgäste) findet man Angaben über Taxonomie, Maße, Verbreitung, Bestandsentwicklung, Gefährdung, Schutz, Nahrung, Verhalten, Wanderungen, Fortpflanzung u.a.
Es tut sich was in der Vogelwelt, das merkt man, wenn man diese Ausgabe mit der vorherigen vergleicht. Daß viele Arten durch Lebensraumzerstörung und andere menschengemachte Gründe zurückgehen, überrascht nicht. Aber man erfährt auch von vielen Arten, die sich ausbreiten oder neu bei uns einwandern, vom Zwergadler bis zum Karmingimpel. Aber auch in der Taxonomie tut sich etwas, dank DNS-Untersuchungen. Anders als die mir bekannten Bestimmungsführer setzt dieses Handbuch deren Ergebnisse um und ordnet die Vogelarten dementsprechend anders an, manchmal überraschend. Eine beigelegte Übersicht hilft, sich zurechtzufinden.
Taxonomie sowie die Bestandsentwicklung und -gefährdung und mögliche Schutzmaßnahmen nehmen in den Artikeln zu den einzelnen Vogelarten denn auch breiten Raum ein. Das ist auch interessant, allerdings hätte ich manchmal doch gerne mehr über das Verhalten und die Biologie der Art erfahren. Hier sind die Angaben doch recht knapp. Auf eine Beschreibung der Vogelarten hat man weitgehend verzichtet, wohl in der - berechtigten - Annahme, daß wer so ein Werk kauft, bereits ein Bestimmungsbuch besitzt. Manchmal wären aber auch hier mehr Angaben wünschenswert gewesen, etwa was die Unterschiede zwischen einzelnen Unterarten betrifft.
Der Benutzer muß mit vielen Abkürzungen zurechtkommen (wobei Weißrußland und Bayern dieselbe bekommen haben!), die aber erklärt werden. Leider habe ich auch schon ein paar Flüchtigkeitsfehler entdecken müssen, und warum Schlesien einmal "Schlesien" und einmal "Slask" heißt (das Elsaß aber immer "Elsaß"), verstehe ich auch nicht.
Trotzdem nimmt man die drei Bände gerne in die Hand und kann eine Menge Neues darin entdecken.
Eine Anfrage hätte ich allerdings an die Konzeption: "Mitteleuropa" (hier werden darunter Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn und die Benelux-Länder verstanden) ist sicher keine tiergeographische Einheit; wäre es nicht sinnvoller gewesen, gleich die Vögel Europas ins Auge zu fassen? Die meisten werden - da sie als Durchzügler oder Irrgäste auch nach Mitteleuropa kommen - eh schon behandelt.