Oh weia, nur Jubelrezensionen hier. Wer soll die Lobhudelei denn noch glauben bzw. ernst nehmen?
Herr Klippert ist ein Urgestein des pädagogischen Establishments, ein Lehrer-Erzieher, der als einer von wenigen nicht in ideologischen Grabenkämpfen liegt oder versucht, Referendaren mit konstruktivistischen Wolken das Gehirn zu vernebeln sondern weitgehend pragmatisch und schülerzentriert geblieben ist. Als Referendar würde er mit diesem puristischen Ansatz wahrscheinlich durch das Seminar fallen, daher sind seine Ansätze (so zynisch das klingt) für uns Praktiker interessant und durchaus auch nachahmenswert.
Auch in diesem Buch kümmert er sich um ein wirklich wichtiges Thema, den Aufbau der Basiskompetenz Kommunikation als Grundbaustein der Fähigkeit, in Gruppen zu arbeiten. Er beschreibt eines der Kernprobleme von Unterricht: Junge Menschen können meist nur unzureichend kommunizieren und damit gar keine Gruppen bilden. Dies ist einer der Hauptgründe, warum vielgepriesene Gruppenarbeitsmethodiken nicht funktionieren und die Frustration der Lehrer mit ihren Ausbildern so hoch ist.
Das ist umso bemerkenswerter als die Konstruktivisten uns mit Handlungsorientierung oder Kooperativem Lernen vorgaukeln, den Lernhimmel erobern zu können. Hr. Klippert stellt klar, dass sie dabei leider vergessen haben, dass ihre Himmelsraketen bestenfalls noch mit Resevespritladungen betankt sind, das erklärt die vielen, unerwarteten Abstürze dieser Zaubermethoden.
Ein gefährlicher Fehlschluss wäre nun, man müsse nur möglichst viel Gruppenarbeit machen, damit die Schüler sich diese Fähigkeiten quasi durch Versuch und Irrtum aneignen können. Dies ist genauso dumm, wie der Versuch, einen Fahrschüler in seiner ersten Stunde mal so richtig durch eine hektische Großstadt fahren zu lassen, denn dann lernt er/sie ja zwangsläufig fahren, oder etwa nicht?
Besser ist es wohl, wie in der ersten Fahrstunde zu lernen, einen Gang einzulegen, den Motor zu starten und ein paar Meter weit geradeaus zu fahren. Herr Klippert geht das konsequent an, indem er kommunikative Basiskompetenzen Schritt für Schritt einübt, OHNE die Schüler gleich mit Zaubermethoden in Gruppen gegen die Wand fahren zu lassen. Er bietet im Buch Übungen an, damit Schüler freies Sprechen lernen, miteinander reden lernen, sich besser ausdrücken können, etc. Nun können sie lernen, besser zu argumentieren, ihre Ideen transparent zu machen, sie aufzuschreiben, zu visualisieren, zu präsentieren. Erst wer das beherrscht, kann zu zweit oder in der Gruppe versuchen, Situationen gemeinsam zu verstehen, schwierige Probleme auszudiskutieren, Zusagen gegenüber anderen zu machen, die man auch einhält oder das Fehlverhalten anderer Schüler korrekt zur Sprache bringen. Wer klar spricht, beginnt auch, klarer zu denken, was einen enormen Mehrwert für das Lernen in der Gruppe bedeutet. Ein weites Feld von Basiskompetenzen, zu denen Herr Klippert uns viele Übungsmethoden anbietet.
Was mir in diesem Buch nicht gefällt, ist der reine Kochbuchansatz. Suchen Sie sich aus hundert Methoden 15-20 heraus, vielleicht ist auch für sie was dabei. Hier müsste ein Lehrer eine Art Kurrikulum entwerfen um diese Fähigkeiten sinnvoll aufzubauen. Es fehlt also in diesem schönen Legobaukasten eine Bauanleitung für die Planung einer Unterrichtsreihe, ein roter Faden, der den Leser bei der Stange hält.
Trotzdem haben erfahrene Lehrer viel von dem Buch, wenn sie die fehlenden Kontexte selbst herstellen und auch unerfahrene Lehrer können hier Bausteine finden, die ihr Schicksal erleichtern. Denn sie müssen ja leider wohl oder über die Zaubergruppenmethoden vorführen, mit denen sie sich und ihre Klassen in Unterrichtsprüfungen nicht immer aber viel zu häufig überfordern. Dieses Buch bietet für sie die Chance, die Schüler in der Zwischenzeit zumindest auf solche Stressveranstaltungen vorzubereiten.