Hornschemeier macht so vieles richtig, doch mein Herz hat "Komm zurück, Mutter" merkwürdigerweise nicht erreicht. Das geht sehr vielen Lesern anders, und deshalb sollte man sich unbedingt ein eigenes Bild verschaffen. Jene Kritiker, die eine zu enge Nähe zum Stil von Chris Ware bescheinigen, kann man nur entgegnen: Es werden in diesem Buch zahlreiche schlüssige und orginelle Bildlösungen und Erzählstrategien gefunden, die mit Sicherheit nicht entlehnt sind. Was Ware und Hornschemeier gemeinsam haben, ist die Leere in den Bildern. Nichts ist darin, was nicht auch eine Funktion hätte. Und mit Sicherheit hat noch niemand in diesem Medium das Thema Depression authentischer geschildert.
Die Introduktion ist aus meiner Sicht eine Schwäche. Da erzählt der jetzt erwachsende Sohn anhand von Tagebuchaufzeichnungen des Vaters von dessen Drift ins schwarze Loch - wobei man das alles erst viele Seiten später verstehen kann. Der Vater mit normal großem Kopf und geschrumpftem Körper fliegt somnambul durch eine karge Landschaft, um schließlich von fremden Wesen in die Erde eingesogen zu werden. Danach beginnt die eigentliche Erinnerung von Thomas, der damals sieben war, als die Mutter starb und der für seinen entrückten Vater, dem die Welt abhanden kommt, sorgen muss - so weit das eben geht. Ein formaler Kniff, der absolut genial ist, sind bewusst einfach gezeichnete Einschübe, eine Art Kinderphantasie, Vereinfachungswünsche in einer widrigen Welt, auch Kenntlichmachungen von erwachsenem Verhalten. So gibt es eine Tischszene mit dem Onkel und seiner Frau, in denen beide zu Vogel und Katze werden. Der Vogel antwortet auf die Frage des kleinen Hüters (Thomas), ob das Haferflocken seien: "Aber nein, das ist ein Spezialbrei, der dafür sorgt, dass Du uns gern hast!". Ein weiteres Mal wird in dieser Machart die Befreiung des Vaters aus der Klinik vorweg genommen, die in der Realität freilich ganz anders verläuft.
Absolut nicht einleuchtend ist, dass jedes Kapitel für abgeschlossen erklärt wird und ein neues auf einer weiteren Seite angekündigt wird. Hier werden Seiten unnötig verschwendet. Aber am allerwenigsten schlüssig ist, dass mit dem Ende des Buches das erste Kapitel erst beginnen soll (das Erlösungskapitel, das nicht stattfindet). Statt dessen Danksagungen und ein Bild des Autors als Kind mit seinem Vater. Stellen wir uns diesen Mann mit Vollbart vor, dann haben wir den Logikprof aus dem Buch, der nicht mehr klar kommt, weil er den Verlust seiner Frau (und mehr noch!) nicht verkraftet. Eine Autobiographie? Also doch? Einerlei, denn die Geschichte funktioniert, auch wenn ein biblisch klingender Abschluss ("Und die Vögel zerpflückten das Brot in kleine Krümel") inadäquat ist.
Hornschemeier wird dem schwierigen Thema gerecht, macht vor allem keine "amerikanischen" Fehler (vereinfachte Psychologisierungen). Warum sich das alles so schnell verflüchtigt hat aus meinem Kopf, kann ich gar nicht sagen. Es mag daran liegen, dass man solche Dinge womöglich in einer Graphic Novel nicht in ihren Verästelungen und Feinheiten abbilden kann. Vieles bleibt unausgesprochen, und leider auch in den Bildern nicht ausreichend ausgedrückt. Der Versuch Hornschemeiers, dieses Wagnis trotz der Grenzen des Mediums einzugehen, ist aber absolut begrüßenswert. Ein ganz besonderes Talent!