Thilo Baum hat ein gefährliches Buch geschrieben, das, nähme man es ernst und setzte man seine Ratschläge in Handeln um, zur Auflösung sämtlicher zivilisatorischer Errungenschaften führen müsste. Zu möglichen positiven Wirkungen des Buches vergleiche man die unten stehenden Rezensionen. Diesem Rezensenten geht es darum, verschiedene Gefahren aufzuzeigen, denen der Leser ausgesetzt wird, und zugleich dem Eindruck entgegenzuwirken, dieses Buch vermittle erstrebenswerte Fähigkeiten.
Der erregte Ton und die ständige Tendenz, sich dem Leser unter Rückgriff auf die certa des gemeinen Verstandes anzubiedern, prägen das Buch von der ersten bis zur letzten Seite. "Das Waffenarsenal der Laberbacken" heißt das zweite Kapitel. Allen Ernstes behauptet der Autor da, Schule und Hochschule seien "Rhetorikfallen", weil sie den Menschen darauf konditionierten, nicht möglichst Gehaltvolles, sondern möglichst viel zu sagen (S. 28f.). Bei Klausuren in der Schule habe es, erinnert sich Baum, ein Gesetz gegeben, "zunächst die Zeitvorgabe zu erfüllen. Erst dann ging es um Inhalt". Diese wahrlich krude Umdeutung der doch wohl schon aus praktischen Gründen völlig unumgänglichen Zeitvorgaben für Klausuren wird dann in Parallele zu den Seitenvorgaben der Universität gestellt, wobei unklar bleibt, auf welcher Universität Baum in die Situation kam, "mindestens zweihundert Seiten" (S. 29) zu irgendeinem Thema zu Papier bringen zu müssen. So beschäftige man sich denn (der konsekutive Aspekt stammt von Baum und erfährt keine nähere Begründung) an der Universität mit Zeitverschwendung und Nebensächlichkeiten, stelle als studierter Taxifahrer dann fest, dass man knappe Ansagen auch ohne Erläuterung verstehen kann, und ärgert sich mit vierzig darüber, keine Frauen abzubekommen, weil die vielmehr auf die "kurzen, knackigen und witzigen Formulierungen" [etwa eines Herrn Baum] stehen. Dass es womöglich im Leben noch anderes geben könnte als Geld und Frauen, ja dass es gar auch Frauen geben könnte, die selbst studieren [!] und deshalb von einem knackigen Besserwisser wie Herrn Baum eher belustigt sein dürften, liegt außerhalb seiner Vorstellungswelt und, so jedenfalls seine Berechnung, auch seiner Leser.
Auf den Seiten 64-67 deckt Baum dann schonungslos die Schwächen der Wissenschaftler auf: Sie scheitern "an ihrer Präzision". Weil sie sprachlich versagt, gilt Wissenschaft "verdientermaßen als unverständlich". Wissenschaftler nehmen sich wichtig und verwenden Fachsprachen, bemühen sich gar - und das ist das größte Problem - um "Exaktheit". Empört stellt Baum fest, "dass das Korrekte in der Wissenschaftswelt mehr zählt als die Verständlichkeit". "Sind Sie infiziert?", fragt er auf S. 67 den Leser, und bietet einen Test an, deren erste Frage alles sagt: "Befassen Sie sich mit Details so genau, bis sie vollkommen analysiert sind?". Wer das tut, hat verloren, denn "je verständlicher Sie sein wollen, desto mehr Zugeständnisse sollten Sie hinsichtlich der Präzision machen". Wie das geht, zeigt unabsichtlich ein seinem Buch vorangestelltes Zitat. "Wer nichts zu sagen hat, möge schweigen", soll Ludwig Wittgenstein gesagt haben (S. 7). "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen", hat er wirklich geschrieben (Tractatus logico-philosophicus, 7. Satz). Dass der ganze Sinn des Wittgensteinsatzes bei Baum (oder der von ihm benutzten Zitatsammlung ...) verloren geht, weil das Subjekt ein anderes wird und das Objekt den "Zugeständnissen hinsichtlich der Präzision" gleich ganz zum Opfer fällt, kann niemanden stören, der die Baumsche Kritik an den Wissenschaften und ihrer Exaktheit verinnerlicht hat. Baum spekuliert gar, die arrogante Exaktheit der Wissenschaft sei es womöglich, die ihren massenmedialen Durchbruch verhindere; vielleicht schaffe es mancher Wissenschaftler "deshalb nicht ins Fernsehen", welch letzteres offenbar für Baum ein schon per se erstrebenswertes Ziel ist. Die dümmliche Polemik wäre zu ignorieren, wenn sie nicht Ausdruck einer auf Leserschaft und Umsatz berechneten Strategie wäre, die sich - nicht zu Unrecht - im Einklang mit der communis opinio sieht. Hielte sich die Wissenschaft, etwa nach Lektüre des Baumschen Machwerks, an derartige Empfehlungen, wäre das ihr Ende, denn es lässt sich nun einmal nicht auf demselben Niveau in Umgangs- und Fachsprache kommunizieren, auch wenn Baum das immer wieder als selbstverständliche Prämisse voraussetzt. Man wünscht es niemandem, auch nicht Thilo Baum, dass er einmal, an einer unerforschten Krankheit leidend, auf eine Wissenschaft angewiesen ist, die - Baums Ratschlägen folgend - ihre Kommunikation auf Bildzeitungsniveau heruntergefahren hat und deren Protagonisten lieber in Kochsendungen auftreten, als auf Tagungen Forschungsergebnisse zu diskutieren.
Die Grundlage solchen Unfugs ist ein Kommunikationsverständnis von vorgestern. Baums ideale Kommunikation beruht letztendlich auf der Idee, dass man eine Information in den Anderen zu verpflanzen habe und dazu jedes von der eigentlichen Information ablenkende Beiwerk ablegen müsse. Dass Kommunikation aber so nicht funktioniert, dass es die Information nicht an sich gibt und verschiedene Selektionsmomente den Kommunikationsprozess begleiten, dass gerade das "Beiwerk" hierzu entscheidend beitragen kann - das alles hätte Baum, der sich frech "Kommunikationswissenschaftler" nennt, zum Beispiel bei Niklas Luhmann erfahren können. Freilich sind dessen Werke furchtbar exakt und gelten "verdientermaßen als unverständlich"; möglich auch, dass Luhmann es - zumal nach seinem Tod 1998 - nicht oft genug "ins Fernsehen geschafft" hat, um dort vom "Kommunikationswissenschaftler" Baum wahrgenommen zu werden. Hilfreich wäre es allemal gewesen, zumal Baum dann womöglich genug über Kommunikation gewusst hätte, um sein Buch nicht mit allerlei vom Thema wegführenden Exkursen füllen zu müssen. So verwechselt er Grammatik und Rhetorik, meint immer wieder in besserwisserischer Manier eines Herrn Sick, dem Leser richtiges Deutsch beibringen zu müssen. Das ist nicht nur ermüdend und banal, sondern wird manchmal auch richtig peinlich. "Etwas kommunizieren" hält er für "modischen Unsinn" und "falsch aus dem Englischen übersetzt" und empfiehlt stattdessen "Mit jemandem über etwas kommunizieren" (S. 143); aber lateinisch communicare ist (auch) transitives Verb und heißt dann "etw. mit jmd. besprechen", "etw. jmd. mitteilen". Baum, der gern einmal Kenntnis suggerierend eine altgriechische Grundbedeutung in den Raum stellt, hat - als "Kommunikationswissenschaftler" - gemeint, mit ein wenig Englischkenntnis Philologie betreiben zu können; ein ärgerlicher Fehler, aber sicher verzeihlich: Immerhin läuft Baum so kaum Gefahr, "an seiner Präzision zu scheitern", oder schlimmer noch, "sich mit Details so genau zu befassen, bis sie vollkommen analysiert sind" ...
Die völlige Kontextungebundenheit der idealen Kommunikation Baums, die bereits bei der Polemik gegen die Wissenschaftler zu beobachten war, springt den Leser auf jeder Seite an und wird doch nie reflektiert. Neben den Wissenschaftlern und den Politikern (wir kommen darauf zurück) hat Baum sich auf die Journalisten eingeschossen, deren Sprache er "abstrakt und blödsinnig" findet (S. 73). Sein Versuch allerdings, eine konkrete und klugsinnige (?) Sprache dagegen zu setzen, öffnet Abgründe. Aus der Nachricht "linke Gruppierungen lieferten sich heftige Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften der Polizei" will Baum - den "Bombast" einer Version entschärfend, die "uns kaum ins Geschehen zieht" - den schönen Satz extrapolieren: "Linke prügelten sich mit Polizisten!"; warum schließlich müsse die Formulierung abstrakt und distanziert sein? "Ins Geschehen hinein gezogen zu werden" ist ein Ideal des Fernsehens ("mittendrin statt nur dabei"), dem Baum aber ja auch sonst nacheifert. Gefährlicher ist die inhaltliche Reduktion des Satzes, die sicher "rhetorisch" genannt werden kann, vor allem aber ideologisch ist. Dass es eben nicht einfach "Linke" sind, die "Polizisten" (etwa auf der Polizeiwache? In organisierter Jagd auf die Vertreter von Recht und Ordnung?) angreifen, sondern (einige) linke Gruppierungen, die (zu diesem Zweck angeforderte und nicht etwa gerade bei der Mittagspause überraschte) Sicherheitskräfte der Polizei angreifen, dass ferner von (sachlich vielleicht legitimationsfähigen, womöglich gar verbal geführten?) Auseinandersetzungen statt von (unzivilisierter, destruktiver, nicht legitimierbarer) Prügelei gesprochen wird, ist genau die Art von Differenzierung, die ideologischen Parolen entgegensteht. Ideologisierung durch Streichung der (aus Sicht dessen, der es tut!) nebensächlichen Details ist ein Propagandainstrument, und dass Baum das nicht merkt, spricht nicht für seine Fähigkeit, Texten und ihren Argumentationsstrategien auf den Grund zu gehen.
Tatsächlich geht Baum, der - so muss es scheinen - die Linken nicht mag und studierende Frauen für eine Unmöglichkeit hält, an anderer Stelle hart mit Formulierungen ins Gericht, die ER als ideologisch empfindet. In seinem Plädoyer für "Denglisch" verbindet er die Völkerverständigung mit der Aufforderung, die eigene Sprache für englische Wörter zu öffnen. "Fremde Wörter als Gäste in der deutschen Sprache abzulehnen, erinnert mich dagegen an ausländerfeindliche Propaganda" (S.
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