Die Bewertung dieses Romans fällt mir irgendwie nicht so ganz leicht; ich fühle mich sozusagen meinungstechnisch völlig zerrissen...
Einerseits hat hier Tom Rob Smith wie auch schon im Vorgängerroman
Kind 44 für KOLYMA historisch Fundiertes zu einer spannenden Geschichte um seine Romanfigur, den ehemaligen Geheimdienstler und jetzigen Leiter einer Mordkommission Leo Demidow, verwoben.
Andererseits verzettelt er sich vor allem im letzten Drittel des Romans so völlig bei dem Versuch, die Grausamkeiten noch totalitärer wirken zu lassen und auch noch die politischen Entwicklungen Ungarns bis zum Aufstand in Budapest sinnerfüllt mit unterzubringen, dass die eigentlich zu erzählende Geschichte total unglaubwürdig wird und damit ihren Schrecken verliert. Zu viele handelnde Personen, bei denen nur an der Oberfläche gekratzt wird, geben dem Ganzen den Rest.
Glasklar Ziel verfehlt, würde ich sagen.
Doch kurz zum Inhalt des Romans:
Der Versuch, seine Vergangenheit im Geheimdienst hinter sich zu lassen, hat bisher für Leo schon aufgrund seiner familiären Situation nicht funktioniert. Bei einer von ihm vor Jahren durchgeführten Verhaftung wurden die Eltern zweier Mädchen getötet und um den beiden wenigstens die Zustände in einem Kinderheim zu ersparen und zumindest teilweise seine Schuld abtragen zu können, hatte er die beiden adoptiert.
Doch Soja, die ältere der beiden, hasst Leo wie die Pest, kann das erlebte Leid nicht verzeihen und schon gar nicht vergessen, was sie ihn jeden Tag spüren lässt - bis hin zum allnächtlich wiederholten Mordversuchs-Ritual.
Doch es kommt noch schlimmer: Nach der Rede Chrustschows vor dem Parteitag, in der dieser die staatlichen Grausamkeiten unter Stalin und dessen Machtmissbrauch an den Pranger gestellt hatte, kommt es zu Übergriffen und Kampagnen gegenüber den bisherigen Tätern, die sich jetzt ihres Lebens nicht mehr sicher sein können.
Auch Leos Familie wird nicht verschont: Soja wird entführt und die Bedingung ihrer Freilassung ist das Leben und die Freiheit eines seiner ehemaligen Opfer, der bisher in einem Stalinschen Gulag im tiefsten Sibirien einsitzt und dort in einer Mine schuftet.
Doch die politischen Verhältnisse sind mehr als undurchschaubar und niemand weiß mehr, wem er noch trauen kann. So bleibt Leo nur die Möglichkeit, sich selber auf den Weg zu machen - mit lediglich einem Freund und Kollegen als Inkognito-Begleitung lässt er sich mit einem uralten Seelenverkäufer als Gefangener nach Kolyma verfrachten.
Und mein Fazit:
Aus dieser Fortsetzung hätte mehr werden können. Die ersten beiden Drittel - eigentlich bis zur Flucht aus dem Gulag - sind interessant, oft spannend und - wenn man sich vom manchmal etwas einfach gehaltenen Schreibstil nicht aus dem Konzept bringen lässt - auch noch flüssig zu lesen.
Den "Rest" hätte er einfach weglassen sollen...